»Singers Digest«

Es waren die verabschiedeten Abiturienten des Kreuzchores, die noch ein (vielleicht) letztes Mal gemeinsam auftraten. Als »The Bow Ties« hatten sie sich 2013 gegründet, mit einem – wie der Name schon vermuten läßt – auch für Unterhaltungsprogramme erweiterten Repertoire. (»Bow Tie« ist die englische Bezeichnung für eine Schleife bzw. »Querbinder« oder »Fliege« und gehört zum Beispiel als passendes Accessoire zur Ausstattung von Swing-Gruppen.) Als Abschluß einer Deutschlandtournee war das Konzert am Sonntag in der Kreuzkirche betitelt – ein Blick in den Kalender des Ensembles zeigt, daß es nach der Verabschiedung im letzten Gottesdienst am 26. Juli einen Marathon von zwanzig Konzerten durch ganz Deutschland absolviert hat, von Norden über Westen und Süden zurück in den Osten bzw. nach Mitteldeutschland und Dresden, wo sein bisheriges musikalisches Zentrum liegt.

Auf dem Programm standen zwanzig Werke ganz unterschiedlicher Couleur. Das Kernrepertoire, zumindest, soweit es Homilius, Schütz oder Bach betrifft, ließen die Sänger diesmal zwar aus, waren dafür aber in Claudio Monteverdis »Ave Maria« oder Pérotinus‘ »Sederunt principes« erkennbar zu Hause. Gerade mit diesem Werk aus dem zwölften Jahrhundert, in dem sich der Komponist von der Gregorianik entfernt, einzelne Silben im Bordun betonte, welche »The Bow Ties« ausgekosten, begeisterte das Ensemble sein Publikum.

Darüber hinaus gab es zahlreiche Stücke für Männerchöre, oft heiteren Charakters. Robert Schumann steht natürlich dafür (»Die Minnesänger«), aber auch Franz Schuberts »Jünglingswonne« für vier Männerstimmen oder Joseph Haydns »Die Landlust« gehören der aus dem Volkslied hervorgegangenen Tradition an. Selbst der Isländer Sveinbjörn Sveinbjörnsson, der in Leipzig bei Carl Reinecke studiert hat, folgt noch Schumanns Spuren.

Auf der Fahrt durch Deutschland nahmen »The Bow Ties« ihr Publikum mit auf eine musikalische Weltreise. Sie querten die Musiktradition Europas, sangen Thomas Morley (»Arise, get up my dear«) und Francis Poulenc (»O Parole«), schauten aber auch bis nach Amerika. In eindreiviertel Stunden gab es nicht nur einen Auszug der Musik verschiedener Länder und Jahrhunderte, sondern auch der Genres. Mit »Irgendwo in der Welt« der Comedian Harmonists – auch hier mit einem Chorleiter – hatte das Programm begonnen, ebenso gehörten »I get around« von den Beach Boys und »Skyfall«, ursprünglich für einen James-Bond-Film geschrieben, dazu. Dafür gab es reichlich Zuspruch – schön, daß so viele Zuhörer in die Kreuzkirche gekommen waren, weshalb zusätzlich die B-Empore geöffnet werden mußte. An den vielen Applaus vor und zwischen den Stücken, das Jubeln und Johlen, kann man sich in einer Kirche dagegen nur schwer gewöhnen.

Die neun Abiturienten präsentierten, vom mehrchörigen polyphonen Gesang bis zur Kopfstimme, von Gregorianik bis Swing, vieles, was sie können und was ihnen Spaß macht. Manche Umschwünge waren kraß, etwa, wenn auf Thomas Morley ABBA folgte, dem sich die Vertonung eines Gebetes durch Peter Tschaikowsky anschloß. Ein Hauch Kreuzchor wehte immer durch die Stücke und verlieh Titeln wie »Mad World« von Roland Orzabal subtile Düsternis. Der Dank des Ensembles zwischen den Zugaben galt denn auch noch einmal Roderich Kreile für seine nicht nur musikalischen Zuwendungen.

24. August 2015, Wolfram Quellmalz

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