Musik in Dresden – Musik zwischen den Welten

Am Montagabend trafen sich unter den prachtvollen Zelten der Türckischen Cammer in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nicht nur sieben Musiker mit ihren Instrumenten, sondern auch ein zahlreiches Publikum. Schön, meinte der künstlerische Leiter des Kunstfestes Daniel Kühnel in seiner Begrüßung, daß diese wüßten, wohin man an einem Montagabend in Dresden ginge.

Man ging zu einem Begegnungskonzert, und dort trafen sich unter osmanischen Zelten Musiker aus unterschiedlichen Welten – Orient traf Okzident. Und wie sie da so im Kreis saßen und sich nacheinander gegenseitig vorspielten, war es einfach, in dieser Situation ein Stück sächsische Geschichte zu imaginieren, Offenheit und Begegnungskultur.

Zu hören bekam das Publikum westliche und fremde Klänge, wobei es viele Übergänge gab. Elemente wurden übernommen, hier wie da, ein Ineinanderfließen statt scharfer Trennung. Interessant waren auch die Instrumente: während man ein Psalterium, dessen Klangbild wir später in verschiedenen Instrumentengruppen wie Zither oder Harfe wiederfinden, hier und da vereinzelt im Zusammenhang mit Alter Musik erleben kann, sind Çenq, eine osmanische Harfe, Qanun (oder Kanun), eine arabische Zither und Ney, eine Rohrflöte, wahre Exoten in Gestalt und Ton. In Duos und Trios verzauberten gleich zu Beginn Johanna und Elisabeth Seitz (Barockharfe und Psalterium) sowie Şehvar Beşiroğlu (Çenq und Qanun) mit äolisch aus der Ferne heranschwebenden Klängen, als brächte der Wüstenwind die Lieder mit wie feine Sandkristalle. Schon hier verbanden sich in den Werken die Welten, denn Komponisten reisten nicht nur durch Europa, sondern auch in den Orient und nahmen dort Elemente und Ornamente der Musik auf.

Hinzu kam das besondere des Ortes, so konnte man auch diesem Abend etwas märchenhaftes nicht absprechen. Wenn Şehvar Beşiroğlu ihre Çenq im Arm hatte, dann sah es ein wenig aus, als hielte sie die Mondsichel umschlungen. Und in der Musik des Ney schien immer der Wind mitzuspielen…

Auch die Blockflötistin Dorothee Oberlinger, Vittorio Ghielmi (Viola da Gamba) und Luca Pianca (Laute) entführten durch die Welten, aber auch diese nicht an italienische, spanische oder sächsische Höfe, sondern zwischen diese Länder, auf Reisen, zu den sephardischen Juden Spaniens zum Beispiel.

Der Abend war somit vom Zuhören geprägt, nicht nur des Publikums gegenüber den Musikern, sondern auch der Musiker untereinander – ein Austausch, eine Unterhaltung. Erst in den letzten Stücken vereinigten sich die Künstler, die hier in Dresden übrigens erstmalig zusammen spielten, zu einer musizierenden Gruppe. Andrea Falconieris »La suave melodia« und »Corriente dicha la Mota« wurden vom gegenseitigen Durchdringen der Töne getragen.

29. September 2015, Wolfram Quellmalz

Buchtip: Es gibt viele Berührungspunkte zwischen Orient und Okzident. Die Märchen aus 1001 Nacht sind auch in unserem Kulturkreis zu Hause. Die Arabistin Claudia Ott hat eine Sammlung arabischer Märchen aus einer andalusischen Handschrift des 13. Jahrhunderts erstmalig ins Deutsche übertragen und war damit in der Kategorie Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2013 nominiert. Die Sammlung enthält darüber hinaus Gedichte, welche in den Märchenausgaben sonst fehlen.

Claudia Ott »101 Nacht«, 336 Seiten, als bibliophile Ausgabe bei Manesse

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