Schöne neue, alte Farben

Richard Strauss’ »Alpensinfonie« wurde am 28. Oktober 1915 von der damaligen Königlich-Sächsischen Hofkapelle unter der Leitung des Komponisten in der (alten) Berliner Philharmonie uraufgeführt. Dies ist einhundert Jahre später Anlaß für ein Sonderkonzert, das aber noch durch zwei weitere Besonderheiten gesteigert wurde: zunächst weihte die Staatskapelle ein prächtiges neues »Musikzimmer« ein, das sich an Entwürfen für Gottfried Sempers ersten Theaterbau orientiert und in Italien angefertigt worden war. Und dann feierte – mit fast 92 Jahren – der Gründer und langjährige Leiter des Beaux Arts Trios, Menahem Pressler, ein spätes Debut als Konzertpianist bei der Staatskapelle.

Dafür hatte er sich Mozarts letztes Klavierkonzert ausgewählt. Die Frage, wohin sich diese Gattung mit Mozart entwickelt hätte, läßt der frühe Tod des Komponisten leider unbeantwortet, so oft sie auch im Raume steht. Menahem Pressler näherte sich dem Werk ruhig, bedächtig, mäßig, folgte jedoch einem Zeitgefühl und interpretatorischen Ansatz, der Gedanken an eine Beschränkung von Virtuosität oder Tempo niemals aufkommen ließ. Im Gegenteil waren schon die ersten Takte des Klaviers, nachdem sich Streicher und Bläser gegenseitig »ausgefragt« (oder geneckt?) hatten, von Leichtigkeit und Mühelosigkeit gezeichnet – ein freier, schwebender, beglückender Mozart. Dem virtuosen Vermögen fügte Menahem Pressler die Lust hinzu, Dinge auszusprechen, auszusingen, selbst einzelnen Tönen Geltung zu gewähren, ohne daß dies einen Abbruch an Spannung bedeutet hätte. Christian Thielemann sorgte für einen feinen Dialog, ging auf das sachte, bedachtsame ein, das ihm der Pianist entgegenbrachte, schien den Solisten und die Musik liebevoll zu umsorgen. Immer wieder läßt Mozart hier und da Klang aufblitzen, Themen hervorlugen, etwa, wenn im zweiten Satz das Horn an Bedeutung gewinnt, als wollte es schon einmal ein wenig Alpenromantik beschwören, oder wenn Flöten und Violinen traumzauberisch das Klavier umhüllten. Unverzagt, geschwind und behende eröffnete Menahem Pressler flink den dritten Satz, ließ noch einmal Mozart perlen – das war große alte Schule in ihrem besten Sinne, hatte nichts antiquiertes oder vergangenes. Der frenetische Applaus des Publikums war die Antwort, entsprang ehrlicher Begeisterung und keiner »Feierlaune«.

Und noch einmal setzte sich Menahem Pressler ans Klavier. Für Frédéric Chopins Nocturne cis-Moll diesmal. Ruhig und genießerisch ließ er sein Konzert ausklingen, jeden Ton liebkosend.

Dann war es aber soweit: Die »Alpensinfonie«. Derart aufgeladen mit Symbolen und Naturromantik, daß sie manchmal scharf an großartigem Kitsch vorbeizuschrammen scheint. Christian Thielemann ließ »seinen« Strauss jedoch nicht in die Kitschecke drängen, sorgte für plastischen Klang, aber auch für Spannungsbeziehungen, wenn etwa das Konzertmeisterquartett nur mit wenig Begleitung das Thema vorspielt, wenn die Kuhglocken schellen und plötzlich meint man, da summte jemand mit – nein, das waren die dunklen Streicher. Besonders plastisch waren dann die Violinen, als sie die ersten Regentropfen »spielten«.

Christian Thielemann ist immer dafür gut, in oft gehörten Werken immer wieder neue Bezüge zu entdecken, einzelne Stimmen herauszuhören, und trotzdem keine analytische Zerlegung vorzunehmen. Immer wieder verdichtet er die Musik, wenn etwa Orgel und Horn den Choral beginnen, in den nach und nach das Orchester einstimmt.

Es war einer der Abende, an denen man besonders beglückt die Semperoper verließ, und die Gäste auf dem Weg noch diskutieren hörte, was sie erlebt hätten, oder der Nebenmann oder die Nebenfrau auch gemerkt hätte, daß….

22. Oktober 2015, Wolfram Quellmalz

Am 27. Oktober wird das Konzert in der Neuen Philharmonie Berlin wiederholt.

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