Wir wollen keine – Shakespeare-Reime!

William Shakespeares »Maß für Maß« am Staatsschauspiel Dresden

Samuel Pepys war Beamter und Abgeordneter des Unterhauses in London. In seinen Tagebüchern notierte er gewissenhaft, was er erlebte, wen er traf, was ihn bewegte. Er war auch ein Freund des Theaters und der Stücke von Beaumont & Fletcher oder denen Ben Jonsons. Wenig Vergnügen fand er offenbar an den Aufführungen von Werken William Shakespeares. So schreibt er am 1. März 1662: » (…) danach ins Herzogliche Theater, wo ›Romeo und Julia‹ zum ersten Mal seit der Rückkehr des Königs aufgeführt wurde. Aber es ist das schlechteste Stück, das ich je gesehen habe, und es wurde auch sehr schlecht gespielt.« Am 29. September des gleichen Jahres schreibt er: »Gingen also ins Königliche Theater, wo ›Ein Sommernachtstraum‹ gegeben wurde, das ich noch nicht gesehen hatte und auch gewiß nicht noch einmal sehen werde, denn es ist das albernste und geschmackloseste Stück, das ich je gesehen habe.« Am 6. Januar 1663 heißt es bei ihm: »Nach Tisch ins Herzogliche Theater, wo wir eine gelungene Aufführung von ›Dreikönigsmond oder Was ihr wollt‹ sahen, auch wenn es nur ein albernes Stück ist, das weder mit dem Titel noch mit dem Tag etwas zu tun hat.« Trotz solcher Erfahrungen hat Samuel Pepys William Shakespeare offenbar geschätzt, denn in einem weiteren Tagebucheintrag vom 7. Juli 1664 erfahren wir, daß er gedruckte Ausgaben der Dramen gekauft hat. Doch was hätte Samuel Pepys wohl über die Aufführung von »Maß für Maß« am Dresdner Schauspielhaus am 22. Oktober geschrieben? Vielleicht »Das ödeste Stück, das ich je gesehen habe«?

DAS STÜCK

In Wien gibt es zwar strenge Gesetze, doch werden diese nicht konsequent angewandt. Vincentio, der Herzog, kann nicht plötzlich sein Vorgehen ändern. Zum Schein zieht er sich zurück, übergibt seinem Stellvertreter Angelo eine Vollmacht, nach Recht und Gesetz zu regieren. Tatsächlich bleibt Vincentio, als Mönch verkleidet, da. Er beobachtet nicht nur, er mischt sich ein. Als Claudio verhaftet und wegen Unzucht zum Tode verurteilt wird, weil seine Geliebte von ihm schwanger ist, schürt er eine List: Angelo hat sich in Isabella, Claudios Schwester, verliebt, als diese zu ihm kam, für den Bruder um Gnade zu bitten. Seine eigene Verlobte Mariana ließ Angelo einst fallen, nachdem sie durch Unglück Familie und Reichtum, also Mitgift, verloren hatte. Vincentios Plan: Isabella soll auf Angelos Begehren eingehen und einem Stelldichein zustimmen, zu dem aber an ihrer Stelle Mariana erscheint. Isabella behielte ihre Unbeflecktheit, Angelo wäre überführt, Claudio würde begnadigt. Der Plan geht auf, mit einer Ausnahme: keine Begnadigung für Claudio. Im frühen Morgengrauen bereits wurde er zu Tode gebracht. Vincentio kehrt nun zurück bzw. gibt sich zu erkennen, ergreift wieder die Macht und statuiert – Maß für Maß – ein Exempel am Exempel: Wenn Claudio sterben mußte, muß Angelo es für das gleiche Vergehen auch.

DIE DRESDNER INSZENIERUNG

Das Stück spielt in einer durch Wände eingeengten Welt mit dreieckiger Grundfläche (Bühne: Karoly Risz). Später taucht der Herzog (Philipp Lux) mit und ohne Verkleidung als Beobachter oder höchster Richter oben auf den Mauerwänden auf – sicher keine Reminiszenz an Katharina Wagners »Tristan«, die das Dreieck ebenfalls als Grundmotiv wählte und den Herrscher in Wagners Stück, König Marke, ebenfalls als Beobachter und Manipulator von oben zeigte. Doch ob zufällig oder nicht: nicht die einzige Parallele der beiden Inszenierungen – belangloses Ideengeklimper. Regisseur Tilmann Köhler spiegelt die aktuelle Zeit im Stück wider und scheut nicht davor zurück, einen fremdenfeindlichen Mob zu zeigen und ihn dümmste Sprüche und Sätzchen aufsagen zu lassen. Der Tiefpunkt nach der Pause: eine viertel Stunde lang (gefühlt länger) skandiert und brüllt eine Gruppe von Gida-Demonstranten tumben Unsinn. Will sie das Publikum aufrütteln? Dieses reagiert nicht, nur zaghaft hier und da, wohl eher, um die Langeeile zu beenden, das Warten abzukürzen. Antje Trautmann, eigentlich Mariana, spielt hier eine Demonstrantin, die im Diskant kreischt. Daß man sie nicht versteht, gehört vielleicht zur Rolle. Der Stammtischspruch wird von der Rotte nachgeblökt. »Wir wollen keine – Shakespeare-Reime!« grölt die Gruppe – Lachen hier und da im Publikum. Weil sie es witzig finden oder eine mißglückte Selbstironie erkennen?

Tilmann Köhler hat auf Wortverständlichkeit offenbar wenig Wert gelegt. Mit Ausnahme von Philipp Lux und Ina Piontek (Isabella), deren Texte man als exzellent verstehen kann, fragt man sich bei den übrigen Schauspielern teilweise, ob Sprechausbildung heute noch zum Profil eines Theaterschauspielers gehört. Selbst Sätze des Stellvertreters (Matthias Reichwald), die wahrscheinlich Schlüsselsätze wären, rauschen am Zuschauer vorbei – vernuschelt oder im Bühnenramsch verheddert. Haufen bilden scheint der Regisseur zu mögen. Auch in den »Drei Schwestern« türmt er abendlang Dinge herum – dort sind es Papierbahnen, die gefetzt und geknüllt werden. In »Maß für Maß« sind es Kilometer gelb-schwarzen Warnbandes – Vorsicht! – Shakespeare?

Immerzu rauscht, läutet oder brüllt es bei Köhler (»Musik«: Jörg-Martin Wagner), wenn Isabella ins Kloster aufgenommen wird, singen alle einen Choral – wie hübsch! Nein, hübsch ist es nicht, die Kirchenpersiflage scheint aber auch allzu billig. Ebenso die Vorführung des »heutigen«, des Politikergehabes. Oberflächlichkeit darzustellen sollte selbst nicht oberflächlich sein, Theater braucht Sinn und Tiefe (oder nicht?), gewollte oder gezielte Ähnlichkeiten mit Bundes- oder Landespolitikern – zu mehr reichte es nicht?

Philipp Lux, der eine »echte« Rederolle ausfüllt und Ina Piontek als einfühlsame und menschliche Isabella, die nach Wahrheit sucht, geben zumindest eine glänzende Vorstellung bzw. haben den Rahmen zu wirken. Matthias Reichwalds Politikerkarikatur ist wiedererkennbar, stärker sind aber die Momente, wenn er den Mensch hinter der Maske zeigt, die Gier. Doch sonst…

Es dröhnt, wummert, summt – kein Wunder, daß man wenig versteht! Auch die »Band« – im Schauspielhaus offenbar ein Muß, ist da: Mojib Majidi spielt und singt traditionelle Musik aus dem mittleren Osten – hätte man sich an den Titel und »Maß« gehalten, wäre dies eine Bereicherung des Stückes, ein Tor in eine andere Welt, ein Kommentar vom Rand der Bühne, von außerhalb der Szene. Aber es ist nur Element 0/8/15 in Vorstellung 158. Etwas vergessen? Ach ja: eine Nackt- und eine Ekelszene dürfen nicht fehlen, wenigstes eines von beidem. Die Frage nach der Intimrasur von Schauspielern sieht Tilmann Köhler für sein Publikum wohl als essentiell an. Selbst beim Fallenlassen der Maske fehlt das Maß…

Wohlgemerkt: Shakespeare und das Theater seiner Zeit liebten es durchaus handfest und deftig – ein Zeichen des Zeitgeschmacks. Thomas Brasch hat diesem Duktus in seinen Neubesetzungen aus den achtziger Jahren, die hier als Textvorlage dienten, nachgespürt und ihn für unsere Ohren aufbereitet – mit Witz und Poesie. Claus Peymann schreibt (nach dem Tod Braschs) in seinem Nachwort zu den Übersetzungen (erschienen 2002 bei Insel): »Auch übermalte er [Brasch] Shakespeare nicht mit einem beliebigen Alltagsjargon, weil ihm die dichterische Form Shakespeares heilig war.« »Heilig« und «kein Alltagsjargon« – beides scheint sich bei Tilmann Köhler umzukehren. Zu Braschs phantasievollen Figurenergründungen und Übersetzungsleistung meint Peymann: »…Shakespeare nicht für unser Verständnis kleinzukriegen, kleinzureden, sondern unsere Sprache für Shakespeare zu öffnen, zu schärfen, also unsere Sprache reicher zu machen.«

Tilmann Köhler hat das Stück kleingemacht, symboltriefend billig aktualisiert und mit flachen Witzchen ausgestattet. Er verzaubert nicht, er entzaubert. Ist das richtig? Ist das wichtig? Gekünstelt aktuell und witzig – etwas für die Quote tun, damit der scheidende Intendant noch einmal eine Auslastungssteigerung zum Saisonende verkünden kann? Ist DAS noch Theater? Hallo!?

Was nimmt man mit? Nichts! Fast drei öde Stunden – schade um die Zeit!

William Shakespeare »Maß für Maß«, Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, mit Philipp Lux (Vincentio, der Herzog), Matthias Reichwald (Angelo, der Stellvertreter), Matthias Luckey (Escalus, ein Lord),Jonas Friedrich Leonhardi (Claudio, ein Lord), Benjamin Pauquet (Lucio, ein Unikum), Christian Clauß (Kerkermeister), Holger Hübner (Pompejus, Angestellter von Madame Overdone / Klosterbruder), Ina Piontek (Isabella, Claudios Schwester), Antje Trautmann (Mariana, Angelos Verlobte / Madame Overdone, eine Puffmutter), die wirkliche Musik (Harmonium): Mojib Majidi

26. Oktober 2015, Wolfram Quellmalz

Buchtips:

Samuel Pepys »Die Tagebücher 1660 bis 1669«, Kassette mit zehn Bände incl. eines »Companion« (Erläuterungen), deutsch von Georg Deggerich, Michael Haupt, Arnd Kösling, Hans-Christian Oeser, Martin Richter und Marcus Weigelt, erhältlich bei Haffmanns / Zweitausendeins

und

Thomas Brasch »Shakespeare-Übersetzungen«, Insel

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