Gedenken an die Zerstörung Coventrys vor 75 Jahren

Mozart-Requiem in der Frauenkirche

Schon ohne den tragischen tagesaktuellen Bezug wäre klar gewesen, daß es kein Applaus geben sollte – nicht bei diesem Anlaß und nach einem Requiem. Leider war jedoch die Standardbitte aus anderen Konzerten, erst nach den vollständigen Werken zu applaudieren, ins Programmheft gerutscht. Nehmen wir aber an, auch ohne die Ansage einer Chorsängerin wäre die Ruhe nach dem Werk gewahrt geblieben, diese friedliche Stille nach dem Communio aus Mozarts Requiem.

Zeitgleich mit dem Konzert in Dresden fand eines in Coventry Cathedral statt, die 1940 wie praktisch die ganze Stadt zerstört worden war. Schön wäre es gewesen, diese Parallelität der Veranstaltungen tiefer im Programm und in den Begleittexten zu verankern.

Vor Mozarts KV 626 stand jedoch zunächst ein anderes Werk, Joseph Haydns Sinfonie Nr. 95. Sie gehört zu den „Londonern“, die der Komponist während eines außerordentlich erfolgreichen Aufenthaltes auf der Insel zwischen 1790 und 1792 geschrieben hat, die einzige in einer Moll-Tonart. c-Moll ist es, die Schicksalstonart, der Haydn aber jede Schwere genommen hat. Das ensemble frauenkirche musizierte sie unter Matthias Grünerts Leitung mit Ebenmaß. Allein das vom Frauenkirchenkantor gespielte Cembalo markierte ein wenig Schicksalshaftigkeit, sonst ist die Sinfonie eher hell und voll Haydn’scher Leichtigkeit. So recht passen wollte dies nicht an diesem Abend, trotz allem – musikalisch beglückenden – Ebenmaßes.

In London hatte Joseph Haydn vom Tod Wolfgang Amadeus Mozarts erfahren, den Freund und Kollegen, den zu verehren sich Haydn trotz des großen Altersunterschiedes nicht zu schade gewesen ist. Dessen Requiem in der von Franz Xaver Süßmayr vervollständigten Fassung geriet mit dem Beginn des Introitus packend, und spätestens mit dem schwebenden eleison aus dem Kyrie hatte sich ergreifende Seelenruhe eingestellt. Neben dem Kammerchor der Frauenkirche hatten Katarzyna Jagiełło (Sopran), Rahel Haar (Alt), Eric Stoklossa (Tenor) und Tobias Berndt (Baß) die Solopartien übernommen. Oft im Quartett singend, wie im Recordare Jesu pie oder im Benedictus, fanden sie zu großer Ausgewogenheit und einem Miteinander der Stimmen, auch wenn Eric Stoklossas Tenor im Vergleich etwas zarter klang. Besonders berührend war jedoch Rahel Haars Altstimme an diesem Abend.

Im Wechsel von Chor und Solisten (beispielhaft sei noch einmal auf das Benedictus verwiesen) sorgte Matthias Grünert für harmonische Übergänge, ebenso wie er gerade mit dem Chor dramatische Passagen durch Pausen und Nachhall oder durch besonders leise gesungene Texte betonte. Sehr schön gelangen auch die den Gesang repetierenden Bläser oder der gedämpfte Osanna-Jubel, dessen Stimmung die Hörner unterstrichen, aber auch jener Moment der Stille zum Schluß.

15. November 2015, Wolfram Quellmalz

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