Der andere Johann Adolf Hasse

Oratorium »Santa Elena al Calvario« mit dem Collegium 1704 in der Dresdner Annenkirche

Johann Adolf Hasse ist als Musiker und Komponist tief in der Dresdner Geschichte verwurzelt, das wissen nicht nur Opernfreunde. Dort, an der Oper, lag sein hautsächliches Wirkungsfeld. Die Hofkapelle war aber auch für die Musik in der Hofkirche verantwortlich. Für die unterschiedlichen Aufgaben und Stile (italienische Oper, deutsche Oper, Hofkirche) gab es unterschiedliche Kapellmeister und Kompositeure. Um 1730 waren in Dresden beispielsweise neben Hasse auch so berühmte Leute wie Johann David Heinichen, Jan Dismas Zelenka und Giovanni Alberto Ristori tätig, sei es als Kapellmeister, Vertreter oder auch als Gast.

Mit der Konversion Friedrich August I. zum Katholizismus und der Verheiratung des Kurprinzen Friedrich August II. mit der Erzherzogin Maria Josepha von Österreich gewann auch die Musik für katholische Liturgien an Bedeutung. Messen für Hochfeste gehörten ebenso dazu wie Oratorien für die Kar-Tage. Daher verwundert es nicht, daß auch »Il divino sassone« (»der göttliche Sachse«, wie der in Bergedorf geborene Hasse genannt worden war) entsprechende Werke beitrug. Für »Santa Elena al Calvario« griff er einen Text Pietro Metastasios auf. Dieser beschreibt darin die Auffindung des Jesus-Kreuzes auf dem Kalvarienberg durch die Heilige Helena während einer Pilgerreise im vierten Jahrhundert. Das Oratorium enthält also – im Gegensatz zu den sonst oft gewählten rückblickenden Geschichtserzählungen der Evangelisten – eine Handlung im Gewand eines Textes aus dem 18. Jahrhundert. (Heute würde man es vielleicht ein »szenisches Oratorium« nennen.) Schon die Dichtung aus Anlaß der Karwoche 1731 unterscheidet sich stark von den biblischen Texten aus den Evangelien. Während es zum Beispiel im Matthäusevangelium noch heißt »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«, ist Metastasio deutlich weniger martialisch und »brutal«. So haben seine Pilger bei aller Frömmigkeit das Verständnis eines gütigen und geduldigen Gottes, keines richtenden und rächenden. Und nicht kostbare Balsame, Edelsteine und Schätze sollen die Menschen als Opfer bringen, sondern böse Neigungen (wie Rache) niederlegen, Tränen vergießen, aber wenige – wenn sie von Herzen kommen. Schon damals (das Collegium 1704 hatte für seine Aufführung die Dresdner Fassung von 1746 ausgewählt) hatte man für den Dresdner Hof das italienische Libretto nicht nur übersetzt, sondern nachgedichtet, wovon die gereimten Arien im Programmheft zeugten.

Metastasios Text hat Johann Adolf Hasse in ein musikalisch anregendes und besonderes Oratorium gewandelt, das teilweise geradezu modern anmutet. Etwa, weil der Komponist den einzelnen Instrumentengruppen nicht nur Stimmen zuordnen, wie sie aus der Oper oder den Concerti grossi bekannt sind, sondern sie auch an ausgewählten Stellen unisono spielen läßt, wenn zum Beispiel zu Beginn Violinen, Flöten und Oboen einer gemeinsamen Melodie folgen und so durch die Überlagerung Klänge erzeugen. Auch sind Rezitative, Arien und Chöre bei Hasse weniger streng getrennt als beispielsweise bei Bach (wobei »streng« hier selbstverständlich nicht despektierlich im Sinne von »starr« oder »veraltet« gemeint ist), sondern gehen ineinander über. So schließt sich an eine Arie San Macarios (Bischof von Jerusalem) ein Rezitativ Sante Elenas (Helena) an, wobei die Instrumente die Musik der Arie zunächst weiterführen. Auch werden die Rezitative selten nur vom Basso continuo begleitet, sondern sind durch eine liedhafte Melodik der Soloinstrumente angereichert. Sie werden in den Arien im wesentlichen nicht durch eine noch prächtigere instrumentale Begleitung, sondern durch überreiche Gesangskunst übertroffen, die fast immer mit enormen Koloraturen in den letzten Wiederholungen abschließen. Oftmals läßt Hasse den Gesang dann noch durch Flöten oder Fagotte fortführen und ausklingen.

Das Collegium 1704 zählt heute zu den Experten der Dresdner Hofmusik und der Barockoper, begeistert sein Publikum aber vor allem mit geradezu unerhörter Klangwirkung – keine Spur von akademischer Theorie in den Konzerten. Dabei hat es – sowohl das Orchester als auch den Chor betreffend – zu einem unverwechselbaren Klang gefunden (wie sich an Hand der CD-Einspielung Bachs h-Moll-Messe leicht vergleichen läßt). Dazu zählt, daß brillante Solisten immer aus diesem Klang hervortreten, daraus zu wachsen scheinen und ihn nicht als Sterne überstrahlen. Dieses offenbar verinnerlichte Konzept hilft dann schließlich, neue Gäste zu den bekannten aufzunehmen. Am vergangenen Freitag waren als Solisten Anna Alàs i Jove (Santa Elena, Sopran), Olga Jelínková (Eudosa, Sopran), Aco Bišćević (San Macario, Tenor), Kamila Mazalová (Eustatio, Sopran) und Julia Böhme (Draciliano, Alt) zu hören. Herausragend war natürlich die Rolle der Santa Elena, welche Anna Alàs i Jove aber mühelos ausfüllte. Sie vermochte ebenso mit Gesang zu brillieren, wie sie auch Ruhe oder Einhalt gestalten konnte. Beispielsweise, als sie im zweiten Teil des Oratoriums, als das Jesuskreuz entdeckt wurde, nicht in den Jubel und die Freude der anderen Pilger einstimmt, sondern zunächst Besinnung sucht. Mit abgedunkelten Koloraturspitzen und verlangsamten Tempi gestalteten das Collegium 1704 (Leitung wiederum Václav Luks) und sie den Höhepunkt des Geschehens.

Kamila Mazalová sang Eustatio (»der Standfeste«) mit berührender Innigkeit, während dem positiven Denken Eudosas (»der Gutglaubende«, Olga Jelínková) einige der höchsten Koloraturen entsprangen. Aco Bišćevićs Tenor klang weich und aufgerauht, er verlieh San Macario eine menschliche, nahbare Facette. Das ließ die daraus sich erhebende Freude aber auch um so strahlender scheinen. Von nicht minderer Schönheit war die Rolle des Propräfekten Draciliano von Julia Böhme gestaltet, die ihrem Alt eine geradezu leuchtende Ausstrahlung verlieh – hier wie da hatte war die musikalische Qualität enorm hoch!

21. November 2015, Wolfram Quellmalz

Am 1. Januar ist das Collegium 1704 erneut in Dresden zu erleben, dann mit weltlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs, darüber hinaus ist eine Einspielung Jan Dismas Zelenkas »Missa Divi Xaverii« in Vorbereitung.

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