Sächsisches Vocalensemble in der Dreikönigskirche

Dem Vergessen (ein Stück) entrissen:

Giovanni Alberto Ristori lebte zwischen 1715 und 1753 mit einer Unterbrechung zwischen 1731 und 1733 in Dresden und war neben Jan Dismas Zelenka sowie Johann David Heinrich unter anderem für die Kirchenmusik an der Hofkirche verantwortlich. Im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen ist er uns heute jedoch kaum noch geläufig, vor allem deshalb, weil weniger Werke überliefert sind, und wenn ja, dann in anderen Bibliotheken – nicht hatte den Weg im berühmten »Schranck No. 2« gefunden, dessen Bestand heute zum Vermächtnis der Sächsischen Universitätsbibliothek gehört. Die wenigen Aufführungen und Aufnahmen machten jedoch neugierig, und so begann eine Suche nach Werken des Bolognesers, auch nach solchen, die für den Gebrauch in der Hofkirche geschrieben worden waren (Ristori hatte in Dresden auch Musik für nichtkirchliche Anlässe verfaßt). In privaten Musiksammlungen, der Staatsbibliothek Berlin und der Österreichischen Nationalbibliothek Wien sind Werke überliefert, meist als Kopien oder Abschriften in Musiksammlungen.

Der Heiligen Franz Xaver wurde ab den 1720erJahren mit einem Hochfest am Dresdner Hof verehrt. Kompositionen der »Litaniae de Sancto Xaverio« gehörten somit zu den Vespermusiken und waren, einem Hochfest entsprechend, besonders feierlich – so auch Ristoris Werk. Im Gegensatz zu Kirchenmusiken mit Rezitativen, herausgestellten Arien, Chören und Chorälen ist die »Litaniae de Sancto Xaverio« von einem fortlaufenden Text mit beständigen Wechseln zwischen Soli, welche die Heiligen einzeln anrufen, und dem Chor, der die Formeln »miserere nobis« (erbarme dich unser) und »ora pro nobis« (bitte für uns) wiederholt, geprägt. Ristoris Musik verweilt demzufolge auch nicht in Momenten und Höhepunkten, die »ausgemalt« werden, sondern entwickelt einen unbändigen musikalischen Fluß, der nur an wenigen Stellen unterbrochen wird. Einhergehend damit ändert sich dabei der Duktus der Musik, wird ruhiger, beispielsweise, wenn die Anrufung des Heiligen Franz Xaver intensiviert wird.

Das Sächsische Vocalensemble und die Batzdorfer Hofkapelle statteten die festliche Musik unter der Leitung von Matthias Jung reichhaltig aus, entwickelten aber auch eine drängende Intensität, so daß man sich fragen mußte, wie dieses Werk nur »vergessen« werden konnte. Hier wie auch in den anderen Stücken des Abends war die Stellung der Solisten (Sopran: Heidi Maria Taubert, Altus: Stefan Kunath, Tenor: Tobias Hunger, Baß: Cornelius Uhle) weniger exponiert als üblich, so sangen alle vier zum Beispiel auch den Chortext mit. Hervorgehobene Soli enthält das Werk jedoch ohnehin nicht, dafür war diese Praxis dem »Fluß« des Werkes sowie der Geschmeidigkeit zuträglich.

Ganz anders die Motette »Ite longo hoste crudeles« in der ungewöhnlichen Besetzung für Baß. Zwischen dem ariös gestalteten Textanfang und -ende ist ein rezitativisch vorgetragener Teil eingeschoben. Dem »wenn« der Ankündigung, den Angriffen der Verräter und Aufrührer allein mit Gottvertrauen zu widerstehen, verliehen die Streicher nachdrückliche Betonung.

Mit der Missa C-Dur folgte ein weiteres ausgreifendes Werk – es geht über die damals normale Länge einer Messe hinaus – mit wechselnden Teilen für Solisten und Chor. Der Text drängt vorwärts, ohne zu verweilen (es gibt nur wenige Wiederholungen). Auch hier ließ das Sächsische Vocalensemble keine Hast aufkommen. Die beständigen Wechsel (oftmals die Solisten in Paaren Sopran / Tenor und Alt / Baß) waren beständig und mit glatten Übergängen gestaltet.

Das in Teilen ein a-Capella-Miserere Antonio Biffis aufgreifende »Miserere mei, Deus« gestaltete Giovanni Alfonso Ristori mit Bezug auf die Bitte um Erbarmung und die Reinwaschung von den Sünden im Vergleich mit den zuvor gehörten Werken klanglich viel dunkler, weshalb das viel hellere »Gloria Patri« (Ehre sei dem Vater) am Ende geradezu hymnisch anmutet.

Mit einem wiederum sehr hell und zuversichtlich klingenden Lobgesang »Laudate Dominum« endete das Konzert. Es wäre zu wünschen, daß die Wiederentdeckung damit noch nicht abgeschlossen ist.

19. November 2015, Wolfram Quellmalz

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