Was für ein großer Schubert!

Trevor Pinnock bei der Dresdner Philharmonie

Nicht nur groß, auch verkannt war Franz Schuberts grandiose, große Sinfonie C-Dur (D 944) lange Zeit. Oder sogar unbekannt – Robert Schumanns war es, der (auch hier) den wahren Wert des Werkes sah und verstand. Für uns heute ist dies eine Fußnote der Musikgeschichte – wer würde an der Sinfonie heute noch zweifeln?

Der englische Dirigent und Cembalist Trevor Pinnock nahm sich des Werkes gemeinsam mit der Dresdner Philharmonie an. Im »trockenen« Schauspielhaus – kein leichtes Unterfangen. Aber der an der Alten Musik und der Ensemblearbeit geschulte Pinnock verstand es glänzend, die Orchestergruppen zum Klang zu (ver)führen. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, daß der Dirigent auch viele Konzerte vom Cembalo aus geleitet hat und sich den Titel eines »Primus inter pares« nicht erst erarbeiten muß, sondern ihn verkörpert. So vermittelte er ein musikalisches Miteinander ebenso wie ein loslassen, Freiheit gewähren, auf daß die Motive aus der Bläser oder Streicher um so lebendiger purzeln können. Ja – es war ein heiterer, fröhlicher Schubert, mit Wienerischem Schalk, aber auch sinfonische Dichtkunst. Philharmonisch im besten Sinne, führte Pinnock das Orchester zu einer Dichte und Klarheit, so daß man den Aufbau des Werkes quasi mitverfolgen konnte, wie es Stein auf Stein bzw. Motiv auf Motiv aus der Taufe gehoben wurde. Ganz klar »lag« die Sinfonie vor den Zuhörern, schon die getupften Streicher des Beginns schworen eine Schubert-Stimmung herauf, in der die einzelnen Stimmen (singende Celli, erwachende Holzbläser) wunderbar herauszuhören waren, auch wenn sie gar keine Soli spielten. Neben dieser Durchhörbarkeit war es aber auch der sprichwörtliche Spannungsbogen, den Trevor Pinnock niemals vergaß, mit dem er von einem ins andere kam, Bindung schaffte, als »Nachschöpfer« Schuberts dessen Werk nicht präsentierte, sondern aufbaute, erstehen ließ – fabelhaft!

Im ersten Teil war zuvor Frédéric Chopins Klavierkonzert e-Moll erklungen. Diesmal mit der jungen Pianistin Beatrice Rana. Sie ließ vor allem mit virtuosen Passagen aufhorchen, betonte aber auch die liedhaften. Vor allem der Beginn bzw. die Einleitung derselben gelangen ihr sehr poesievoll. Doch die letzte Aufführung des Werkes an gleicher Stelle liegt erst eineinhalb Jahre zurück (Louis Lortie), und im direkten Vergleich war Beatrice Ranas Spiel doch etwas »nüchterner« und trockener.

22. November 2015, Wolfram Quellmalz

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