Schloßkonzerte Reinhardtsgrimma mit Christine Schornsheim

Malerin auf dem Hammerklavier

Man gesteht den alten Instrumenten Cembalo und Hammerklavier gemeinhin mehr Farbigkeit zu als einem modernen Flügel. Wie stark diese Farbigkeit zur Gestaltung beiträgt, zeigte Christine Schornsheim am Sonnabend im letzten der diesjährigen Schloßkonzerte Reinhardtsgrimma.

Nach längerem Anlauf hatte sich ein gemeinsamer Termin mit der Münchner Professorin gefunden. Aus der Vielzahl alter Tasteninstrumente, auf denen Christine Schornsheim musikalisch zu Hause ist, hatte sie diesmal ein Hammerklavier gewählt, einen Nachbau nach einem Original Johann Dülkens von 1815, also genau jener Zeit, in der Alexandre-Pierre-François Boēly »Trente Caprice ou Pieces d’Ètude pour le piano« entstanden waren.

Begonnen hatte der Abend aber mit Mozarts (zuvor entstandenen) Variationen nach dem französischen Kinderlied »Ah, vous dirai-je, Maman« (etwa »Ach, soll ich dir sagen, Mama«), das in vielen Ländern mit unterschiedlichen Texten in den Musikbüchern steht und bei uns als »Morgen kommt der Weihnachtsmann« zur Adventszeit gehört. Mit singender Oberstimme und abgedunkeltem Baß spielte Christine Schornsheim, so daß man hier schon glaubte, zwei ganz unterschiedliche Instrumente für Melodie und Begleitung zu hören.

Und dieser Charakter bzw. diese Charaktervielfalt blieb kennzeichnend für den gesamten Abend. Als wandelbar wie ein Chamäleon und stetig in andere »Musiktiere« schlüpfend ließ Christine Schornsheim die Facetten des Instrumentes aufblitzen, wobei sie samtenen Schimmer grellem Schillern vorzog. In vier Stücken aus Boēlys Etüden verwandelte sie das Hammerklavier in eine Zauberharfe, ließ sprudelnd Lieder ohne Worte fließen (Mendelssohn sollte die Gattung eigentlich erst einige Jahre erfinden). Berückend waren vor allem die Übergänge, wenn singende Stimmen versanken oder aus dem Baß neue Melodien auftauchten – immer wieder schaffte Christine Schornsheim solch zauberische Verwandlungen.

Das rief geradezu nach Charakterstücken wie Schumanns »Kinderszenen«, die nicht nur im Klang, sondern auch im Tempo ungewöhnlich erschienen – Christine Schornsheim spielte sie nach den originalen Metronomangaben Robert Schumanns. Und diese unterscheiden sich manchmal stark von dem, was wir (auf dem modernen Flügel) kennen. Vieles ist geschwinder, doch war dies nicht mit einer Einbuße an Verständlichkeit verbunden. Im Gegenteil gelang es Christine Schornsheim, die Filigranität der Erzählungen zu erhalten.

Und auch Ludwig van Beethovens sechs Bagatellen op. 126 erklangen als raffinierte, impulsive Charakterstücke, die ebenso Nocturne (Nr. 3) waren wie sie Schalk hatten (Nr. 4), während Franz Schuberts Impromptu f-Moll (D935 Nr. 1) Träumen und Erwachen gleichermaßen enthielt.

Mit Fanny Hensels Abschluß aus dem Klavierzyklus »Das Jahr« beendete Christine Schornsheim auch die Konzertreihe im Schloß Reinhardtsgrimma. Doch schon im Januar beginnt die neue.

Tip: Weihnachtliche Vesper in der Dorfkirche Reinhardtsgrimma mit festlicher Barockmusik am 26. Dezember, 16:00 Uhr, Barbara Christina Steude (Sopran), Stefan Kunath (Altus), Sebastian Reim (Tenor), Falk Joost (Baß), Barockensemble auf historischen Instrumenten, Holger Gehring (Leitung, Orgel), Eintritt frei

20. Dezember 2015, Wolfram Quellmalz

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