Nachdenkliche Werke zur Passionszeit

Dresdner Motettenchor in der Dreikönigskirche

Zu einem Konzert mit Werken für die Wochen vor dem Osterfest hatten der Dresdner Motettenchor und sein Leiter Matthias Jung am Sonntag in die Dreikönigskirche eingeladen. Eine Vielgestaltigkeit von Thema und Musik versprach schon ein Blick ins Programmheft, standen doch zwölf Kompositionen aus den vergangenen 500 Jahren auf dem Programm.

Mit Caspar Othmayrs »O Mensch, bewein dein Sünde groß« begann der Motettenchor im Gestus des Kirchenliedes, doch wandelte sich schon mit Kurt Thomas‘ Motette »Fürwahr, er trug unsere Krankheit« der Charakter des Konzertes. Als Klagegesang beginnend entwickelt sich das Werk in den Evolutionen der Zeilen und mündet in den Heilungs- bzw. Erlösungsgedanken des Jesusopfers. Diesen Bezug hatten viele der Stücke, begnügen sich aber nicht mit Versprechungen allein. So haben gerade die Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts den Schmerz in ihren Werken formuliert, wie Francis Poulenc, der die »Finsternis« in Noten gefaßt hat – vom Motettenchor ergreifend vorgetragen.

Nach Entstehungszeit und im Charakter wechselnd angeordnet, stellte sich kein Wiederholungseffekt ein, ergaben sich dennoch interessante Vergleiche, etwa wenn gleiche Textpassagen in der Vertonung von Johann Kuhnau und Antonín Tučapský vorgetragen wurden (»Meine Seele ist betrübt bis an den Tod…«). Nicht nur durch den Wechsel wirkten unbekanntere Motetten bzw. solche von Komponisten, die weniger präsent sind, als Bereicherung, sondern auch, weil so der Umgang mit Texten, die Interpretation (des Komponisten, also Fokussierung und Auslegung) deutlich wurde. Dazu kam eine großartige Ausgewogenheit und Artikulation des Chores, der jederzeit gut verständlich blieb. Schön auch, daß sich Wechsel zwischen Chor und Soli oder den mehrfachen Stimmen so harmonisch ergaben und nicht durch Überlagerungen verschwammen.

Matthias Jung hatte auch Werke von Komponisten ins Programm genommen, welche die Kirchenmusik sowie die Region geprägt hatten. Gottfried August Homilius »Siehe, das ist Gottes Lamm« (mit geteiltem Chor und Echo von der Orgelempore) zählte sicher ebenso dazu wie Johann Kuhnau (wunderbar!) oder Antonio Lotti, der die Grablegung Jesu durch Verlangsamung und Verdämmern des Gesangs darstellte. Lottis Amtsaufnahme in Dresden wird sich im übrigen 2017 zum 300sten Male jähren – dürfen wir gespannt sein, dann mehr von ihm entdeckt zu bekommen?

Mit bis in unsere Tage reichenden Werken und der Klangsprache Antonín Tučapskýs enthielt das Programm auch etwas gegenwärtiges und sorgte zur Vesperstunde für eine Verankerung im Hier und Jetzt.

14. März 2016, Wolfram Quellmalz

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