Bemerkenswerter Schumann

Klavierabend mit Andrej Kasik im Dresdner Coselpalais

In Rahmen der »Jungen Meister der Klassik« war am Freitagabend wieder ein junger Pianist im Pianosalon Kirsten zu erleben. Andrej Kasik, in Lemberg, Prag und Wien ausgebildet, erwies sich dabei besonders im zweiten Teil des Konzertes als entdeckenswertes Talent.

Schon zu Beginn überzeugte er in Johann Sebastian Bachs »Italienischem Konzert« (BWV 971) durch Klangkultur, Umgang mit (wenig) Pedal und einen Sinn dafür, dieses an große Formen reichende Werk zu gestalten – nicht umsonst trägt es das »Konzert« auch schon im Namen. Andrej Kasik gestaltete die Ecksätze mit Verve, dem er im Andante einen bedächtigen Ton entgegensetzte. Hier wie in der folgenden Suite bewies der Pianist eine ausgewogene Balance zwischen singendem Baß und perlender Melodiestimme, die sich am Cembaloklang orientierte.

Auch in der Französischen Suite h-Moll (BWV 831) folgte Andrej Kasik dieser Klangsprache, beließ durch knapp gehaltene Pausen das Werk im Fluß. Dazu kam ein gestalterischer Wille und ein entsprechendes Vermögen: schreitenden Tanz und zupackende Rhythmik (Bourrées), stürmen und Gelassenheit im beständigen Wechsel. Betonungen durch Synkopen oder minimale Verrückungen und kleinste Tempomodulationen wirkten vor allem am Ende des Werkes belebend. Hier und da schlichen sich zwar kleine Unsicherheiten ein, doch blieb der Gesamteindruck überzeugend – im Gegenteil: wo sonst oft Technik in Perfektion vorgeführt wird, während der Ausdruck noch fehlt, trumpfte Andrej Kasik mit gestalterischem Mut(willen) auf.

Und genau dies eröffnet dem Zuhörer gerade bei noch deutlich subtileren Stücken einen selten gewonnenen Zugang. Robert Schumann gehört dazu, der vieldeutige und zuweilen psychologisch auslegbare Werke geschrieben hat. Sein Œuvre ist in Konzerten meist auf einige zyklische Werke oder Charakterstücke beschränkt. Andrej Kasik traute sich, diesen Kanon zu durchbrechen und seinem Publikum die »Große Sonate« in ihrer Gesamtfassung (1836 auch als »Konzert ohne Orchester« bezeichnet) zu präsentieren. Dabei entwarf er schon das Allegro vielschichtig: nach chopineskem Beginn erklang ein äußerst schwärmerischer typischer Schumann. Das erste Scherzo gestaltete Andrej Kasik huschend, um dann gleich wieder innezuhalten, abzuwarten, zu lauern, als wollte – zum Scherz – ein Spuk im Treppenhaus den späten Gast erschrecken. Auch im zweiten, etwas »kommoderen« Scherzo gibt es einen Treppen- bzw. Tonleiternlauf, der jedoch in eine kleine Träumerei mündet. Andrej Kasik spielte all dies mit viel Sinn für die einzelnen Episoden, behielt aber auch einen hintergründigen (Klang-)Gedanken aufrecht, reihte nicht einfach Abschnitt an Abschnitt, sondern gab Schumanns Sonate eine innere Bindung. Und auch im abschließenden Prestissimo possible zielte der junge Pianist eben NICHT auf das technisch machbare, sondern das gestalterisch sinnvolle. Somit behielt auch hier die Aussage gegenüber einem reinen so-schnell-wie-möglich den Vorzug. Flink, fließend, brachial, gleitend, wogend, brausend – Robert Schumann hat seiner Sonate viele Temperamente mitgegeben, Andrej Kasik ist es gelungen, all diese zu glaubhaft entfesseln.

Mit einer einzelnen Zugabe (noch einmal Schumann, Arabeske op. 18) war es daher auch nicht getan. Zum Abschluß ließ Andrej Kasik deshalb am Geburtstag des Komponisten Nikolay Rimsky-Korsakows »Hummel« fliegen.

19. März 2016, Wolfram Quellmalz

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