Vom Leben und Wandern…

Thomas Hampson und die Sinfonietta Amsterdam in der Frauenkirche Dresden

Für seinen neuerlichen Auftritt in der Frauenkirche hatte Thomas Hampson gemeinsam mit der Sinfonietta Amsterdam (Konzertmeisterin und Leitung: Candida Thompson) ein Programm mit ausschließlich bearbeiteten Werken zusammengestellt, sich also bewußt für eine größere Form als den intimen Liedgesang mit Klavierbegleitung entschieden. Viele der Stücke waren von oder für die Sinfonietta bearbeitet worden, wohl nicht nur deshalb konnte sie mit einer erstklassigen Wiedergabe glänzen. Was nicht ganz überzeugen konnte, waren jedoch die Bearbeitungen selbst.

So zum Beispiel Johannes Brahms‘ Streichquintett Nr. 2 in G-Dur. Eines der bekanntesten Werke der Kammermusik schien stark verändert, die einzelnen Streicherstimmen kaum noch zu unterscheiden, wo sich bei Brahms doch ein inniges Miteinander herausbildet. Zwar behielt das Stück seinen sonnigen Charakter, verlor aber, da das Mehr der Instrumenten die Ausdruckspalette reduziert und das Stück vor allem an Feinsinnigkeit einbüßt.

Da schien David Matthews Bearbeitung der »Vier ernsten Gesänge« weitaus gelungener, denn er hat dem Orchester keine neue oder erweiterte Rolle beschrieben. Thomas Hampson blieb hauptsächlicher Akteur und Gestalter, einzelne Affekte der Streicher unterstützten ihn zart und wirkungsvoll, doch im wesentlichen war es bei Hampson, der vier ganz unterschiedliche Formen der Ernsthaftigkeit darstellte und sich im Vollbesitz seiner physischen und gestalterischen Kräfte zeigte. Dafür war ihm das Publikum dankbar – ein verständiges Publikum, das glücklicherweise auch nicht zwischen den Liedern klatschte.

Nach der Pause dann, als Perle des Abends sozusagen, betörte Thomas Hampson das Auditorium mit Samuel Barbers selten zu hörendem »Dover Beach« nach einem Gedicht von Matthew Arnold. Mit fahlen Farben beginnend, zeigte sich der Bariton als Sinn- und Schönheitssucher, dem zu folgen dank seiner ausgezeichneten Artikulation ein leichtes war. Barber hat Arnolds Gedicht einen eigenen Rhythmus aufgeprägt, läßt es keineswegs zeilenweise voranschreiten. Die Stringenz, mit der Thomas Hampson und die Sinfonietta Amsterdam dies darboten, war verblüffend und sorgte an manchen Stellen für Gänsehaut.

In einer wechselnden Folge von Liedern Hugo Wolfs (»Fußreise«, »Auf einer Wanderung«, »Der Rattenfänger«) und Franz Schuberts (»Memnon«, »Geheimnis«) boten Hampson und die Sinfonietta »melodiehafte und lebendige« (Hampson) Werke in erweiterter Form dar, jedoch war die Anordnung, welche etwas unbestimmt dem Topos der Wanderung folgte, nicht wirklich schlüssig und hatte eher einen »Encore«-Charakter als innere Sinnhaftigkeit. Ebenso die den abschließenden Teil einleitende »Italienische Serenade« Hugo Wolfs. Diese ist eigentlich (in der Originalfassung für Streichquartett) von großer Subtilität, was die Sinfonietta jedoch nicht zu erreichen vermochte, auch wenn sie den sommerlich-italienischen Kern dennoch »traf«.

Das Plus des zweiten Liedteilt lag sicher in der Person Thomas Hampsons und seiner Gestaltung. Gerade in den heiteren Stücken zeigte sich der amerikanische Bariton von einer komödiantischen Freude erfüllt, wobei ihn die gewitzten Streicher (besonders im »Rattenfänger«) allzugern unterstützten.

Mit zwei Zugaben (Strauß: »Wo die Rose erblüht«, Schubert: »An die Leier«) und zwei Stunden Konzertdauer hatte der Abend aber auch äußerlich einen verdient großen Rahmen.

10. April 2016, Wolfram Quellmalz

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