Mit zunehmender Spannung

Kammerabend der Dresdner Philharmonie mit Streichquartetten

Jedes Konzert ist schon im Hinblick auf sein Programm mit Erwartungen verbunden. Bei Streichquartetten Ludwig van Beethovens, George Crumbs und Maurice Ravels war die Empathie vorab vielleicht wie folgt verteilt: größte Zuneigung und höchste Erwartung (klassischer Meilenstein) – skeptisch bis neugierig (zeitgenössisches Werk) – leichter, impressionistischer Klangzauber (Ravel). In der Regel muß sich ein zeitgenössisches Stück die Gunst des Publikums erst erarbeiten, wird häufig mißtrauisch beäugt, beohrt, nicht selten wird pflichtschuldig abgewartet, daß es vorbeigehen möge und wieder etwas schöneres gespielt würde. Soweit zur Theorie.

Das Collenbusch-Quartett mit Mitgliedern der Dresdner Philharmonie (Cordula Fest und Christiane Liskowsky – Violinen, Christina Biwank – Viola und Ulf Prelle – Violoncello) überraschte sein Publikum ausgerechnet und vor allem mit dem 1970 uraufgeführten Quartett »Black Angels – Thirteen Images from the Dark Land« des Amerikaners George Crumb. Zunächst erklang jedoch die Nummer 4 und das einzige Quartett in Moll (c-Moll) aus dem Opus 18 Ludwig van Beethovens. Es ist von einer besonderen Polyphonie geprägt, birgt das Zitat der »Ich-denke-dein«-Klaviervariationen nach einem Gedicht Goethes, verzichtet auf ein normales Andante, welches der Komponist durch ein Andante scherzoso ersetzt hat. Auch das Menuett ist durch eine flotte Gangart geprägt. Die Folge der Tempi lautet daher Allegro – Allegretto – Allegretto – Allegro. Das Collenbusch-Quartett tat sich zu Beginn noch schwer, Energie und Spannung zu erzeugen, zu metrisch und »korrekt« erklangen die ersten beiden Sätze. Doch mit dem beschleunigten Menuett brachten sie Belebung und – passend zum Abendsonnenschein von draußen – Sonnenflut in Beethovens Musik.

Für das theoretisch skeptisch erwartete Quartett George Crumbs tauschten Christina Biwank und Ulf Prelle dann die Plätze, wobei der Cellist noch sein Sakko ablegte – versprach es nun heiß zu werden? Es wurde! Crumbs Stück ist für »elektrisch verstärktes Streichquartett« geschrieben, enthält aber auch Passagen für Glasharmonika sowie Flüstern oder Sprechen. Das alles müssen die vier Spieler allein bewältigen, was schon im Bewegungsablauf auffällig ist, denn gerade der soll eben nicht auffallen, darf nicht den Fluß unterbrechen. Das Quartett beginnt mit »Electric Insects«, Käfern und Mücken, von den vier Streichern lautmalerisch dargestellt. Was zunächst fremd, schrill und viel ist, erwächst aber schnell zu einer spannenden Collage, in die sich selbst der Vogelgesang von draußen und (später) ein am Fenster flatternder Vogel (war es eine Bachstelze?) einzubinden schien. Immer stärker wurde der Sog, den das Collenbusch-Quartett entwickelte. Mit großer Ernsthaftigkeit und Hingabe spielten sie das Werk, so übertrugen sich Spannung und Ernsthaftigkeit auf das Publikum, das kerzengrade und gebannt vor den Musikern saß und wirklich lauschte. »Black Angels« steigert sich bis zu geschlagenen Einwürfen, hält aber auch packende Höhepunkte bereit, wenn etwa drei der Spieler mit ihren Bögen Weingläser Streichen und eine Glasharmonika imitieren, wozu allein das Cello spielt – im Flageolett zunächst, und klingt, als wäre es eine Flöte. Kein Zweifel: George Crumbs »Black Angels« war das wichtigste Werk des Abends, es wurde begeistert aufgenommen!

Maurice Ravels Streichquartett Opus 35 war danach in der Tat ein (im besten Sinne) »schöner« Ausklang und schlug sogar noch einmal eine Brücke zurück zu Crumb, denn gleich zu Beginn scheinen dessen Insekten noch einmal zurückzukehren und aufgeregt zu summen. Mit herber Süße versank das Werk – wie der Tag draußen – in der Dämmerung. Noch einmal zirpten die Insekten im vierten Satz, dann war der spannungsreiche Abend zu Ende.

25. April 2016, Wolfram Quellmalz

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