Meisterwerke – Meisterinterpreten

Violinsonaten im Strehlener Königshof

»Auf nach Griechenland« titelten die Neuen (musikalischen) Blätter vor einem Jahr in Heft 17, um daran zu erinnern, daß das Nachrichtenbild aus Südeuropa Bedeutung und Realität nur unvollständig und verzerrt wiedergibt. Passend zu den Nachrichten am vergangenen Wochenende hatten die »Meisterwerke – Meisterinterpreten« für den Sonntag »Gäste aus Griechenland« angekündigt. Vater Uwe Matschke lebt seit 1987 dort, nun brachte er seine Tochter Danae Papamatthäou-Matschke mit, doch gab es noch weitere Bezüge, wie Organisator Andreas Priebst zu berichten wußte: Sergej Prokofjews erste Violinsonate, zwischen 1938 und 1946 entstanden, wurde am 23. Oktober 1946 von David Oistrach und Lew Oborin in Moskau uraufgeführt. Beider Spuren lassen sich nach Dresden verfolgen: David Oistrach war hier zu Gast, spielte mit der Staatskapelle, der Dresdner Peter Rösel wiederum – der Konzertreihe verbunden und zuletzt im vergangenen Jahr im Konzertkalender – ist ein Schüler Lew Oborins. Aber noch ein weiterer Kreis schloß sich: Danae Papamatthäou war 2010 Preisträgerin des alljährlichen Szymon Goldberg Wettbewerbes, der in der vergangenen Woche wieder stattgefunden hat (wir berichteten).

Prokofjews Opus 80 stand auch am Sonntagnachmittag auf dem Programm. Zuvor loteten Uwe Matschke und Danae Papamatthäou-Matschke jedoch Beethovens Tiefen und Faurés Farbigkeit aus. Die Rezensenten taten sich 1799 mit Beethovens Es-Dur-Werk noch schwer, fanden darin »keine Natur, kein Gesang«, unterstellten gar »…eine Sträubigkeit, für die man wenig Interesse fühlt…« (Allgemeine musikalische Zeitung). Vielleicht war der Komponist wieder einmal zu »neu« gewesen? Robert Schumann fand 1836 (Neue Zeitschrift für Musik) allerdings durchaus einen »Gang der Natur« im Werk und verglich die Sonate gar mit einer »Himmelssonnenblume«. Schumann, darf man nicht vergessen, war einer der wenigen erfolgreichen Komponisten, die auch als Rezensenten differenziert zu urteilen vermochte. (Besucher von Gewandhauskonzerten können sich davon regelmäßig in den Programmheften überzeugen.) Selbst wenn man hämische Schmähschriften und Verrisse nicht mit einbezieht, findet man in den Kritiken Berlioz‘ oder Tschaikowskys beispielsweise weniger Maß und treffendes Urteil. Dem heutigen Hörer können solche Ausdeutungen spitzfindig scheinen – längst gehören Beethovens Sonaten zum Kanon der Violinliteratur, und schon in der kommenden Woche wird sie ein weiterer Grieche (Leonidas Kavakos) in Dresden interpretieren. Daß Beethoven den Musikern kein leichtes Spiel gestattet, war und ist dennoch klar, so mußten sich Vater und Tochter ein wenig finden.

Während in Deutschland und Österreich die Kammermusik erblühte, spielte diese in anderen Ländern, wie Frankreich oder England, zunächst eine untergeordnete Rolle. Der fehlenden eigenen Tradition stand eine drückende Übermacht der Wiener Klassik gegenüber. Gleichwohl wurden hier wie da Versuche unternommen, kammermusikalisches Schaffen und die entsprechenden Kreise anzuregen. Für Gabriel Faurés Violinsonate A-Dur fand Camille Saint-Saëns 1877 enthusiastische Worte, rühmte deren Neuheit, Kühnheit, den Umgang mit Rhythmen und Modulationen. Davon konnten sich die Konzertbesucher am Sonntag überzeugen. Natürlich merkte man den Sprung um fast achtzig Jahre seit Beethoven, den Umgang mit Färbung, Stimmung, mit nasalen, hitzigen, schweren Klängen. Dem fülligen Klavier stand die Zartheit der Violine gegenüber, vor allem in der aufsteigenden Gesangslinie im ersten Satz.

Auch wenn der Zeitsprung von Fauré zu Prokofjew kleiner war, so änderte sich die Welt in der Zeit dazwischen doch viel gewaltiger – was sich natürlich in der Musik niederschlug. Uwe Matschke und Danae Papamatthäou-Matschke fanden hier das innigste Miteinander, den drängendsten Ton. Tastend, bedrohlich fast beginnt Sergej Prokofjews f-Moll-Sonate, steigert sich nach kurzer Beruhigung am Ende des ersten Satzes gar in latent herrschende Beklemmung – hier war der Komponist dem Duktus seines Kollegen Schostakowitsch sehr nahe, auch wenn sich beide sonst enorm unterschieden. Mit dem Allegro vivo kehrte etwas Beruhigung ein, aus dem die beiden Musiker aber gleich im Anschluß erneut Widerstreit und Disput packend aufsteigen ließen, sich ereiferten in den musikalischen Motiven. Mit der Rückkehr zum Beginn der Sonate schloß sich auch hier ein Kreis.

Mit vocaliser Geschmeidigkeit verabschiedeten sich Uwe Matschke und Danae Papamatthäou-Matschke von ihrem Publikum.

9. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert der Meisterwerke – Meisterinterpreten: »Cosi fan tutte« – Oper für Streichquintett mit der Cappella Musica Dresden, 5. Juni 2016, Ballsaal im Hotel »Königshof«

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