Regers erstaunliches Klavierkonzert, Blomstedts genialer Beethoven

Herbert Blomstedt und Peter Serkin zu Gast bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Die Nachricht, daß die Sächsische Staatskapelle ihren ehemaligen Chef zum Ehrendirigenten ernennen wollte, überraschte insofern, als man sich fragte, ob er das denn nicht schon längst sei. Ist er – nur nicht in Dresden. Das NHK-Sinfonieorchester, das San Francisco Symphony Orchestra und die Bamberger Symphoniker hatten diesen Schritt bereits vollzogen, Leipzig ebenso (2005), nur Dresden nicht. Am 5. Mai wurde dieser Mißstand aber behoben. Das Dresdner Orchester war nicht nur eines jener (oder sogar das), die Herbert Blomstedt als Kind und Jugendlicher im Radio hörte und deren Klang er liebenlernte, Dresden war auch eine seiner ersten großen Stationen. Nach dem ersten Gastdirigat 1969 wurde er 1975 für zehn Jahre Chefdirigent, weitere wichtige Stationen waren danach Leipzig (Gewandhausorchester) und Hamburg (NDR-Sinfonieorchester). Immer wieder hat sich Herbert Blomstedt dabei sowohl für neue zeitgenössische Werke als auch solche der Moderne eingesetzt, die es wiederzuentdecken galt.

In die Reihe der Wiederentdeckungen gehört auch das Klavierkonzert Max Regers. Gemeinsam mit Peter Serkin hat es Herbert Blomstedt schon oft aufgeführt, nach Dresden folgen weitere Auftritte des Duos in Leipzig (Mitte Mai), am kommenden Montag ist eine Aufnahme von 2001 mit dem NDR-Sinfonieorchester im Rundfunk (NDR Kultur) zu hören.

Spätestromantisch, mächtig schwillt Regers Opus 114 an. Melodisch reich durchmischen sich Orchester und Solist, heben sich Bläser aus dem Gesamtklang hervor, formen Klage und Melodie. Kompakt und massiv wirkte die Staatskapelle, mit satten, dumpfen Pizzicati, die hier nicht belebend wirkten, sondern mächtige untergründige Gedanken zu bergen schienen. Mit sich spiegelnden Themen und durch die Stimmen des Orchesters gereichten Motive offenbarte Herbert Blomstedt die schwer faßbare Überfülle des Werkes. Im Largo schließlich rührte Reger so mit schlichtem Gesang, beruhigt, türmt gleich darauf seine musikalisch komplexen Gedanken erneut auf. Schattig, farbig, erstaunlich waberte, flimmerte und sog es aus dem Orchester, Peter Serkins Klavierspiel blieb demgegenüber schlicht, nüchtern, »kopfig«. Zwar folgte er Regers Gedanken, erreichte aber keine besondere sinnliche Tiefe. Nur eingangs des dritten Satzes (Allegretto con spitito) frohlockte er mimisch und musikalisch gleichermaßen – man hätte meinen können, jetzt übertreibe der Brahms aber, doch verebbte dieser Gedanke, dieser Gefühlsschwung, bald darauf.

Nach der Pause dann ein Standard. Standard? Hat man so eine Siebente schon einmal gehört? Nach dem gewaltigen Turmbau Regers fühlten sich gleich die ersten Takte Beethovens A-Dur-Sinfonie wie eine Erlösung an, mittendrin betörte eine Flöte…

Kapellmitglied Bernward Gruner hatte im Rückblick unter anderem die Menschlichen Qualitäten des ehemaligen Chefs hervorgehoben und in seiner Laudatio geschrieben: »Sie waren nicht der Dirigentendespot«. Stimmt! Auch heute im Konzert weist Herbert Blomstedt nicht an, befiehlt nicht, er lockt hervor, schöpft aus der Substanz, die Werk und Orchester bieten – welch ein Glück! Strömend, fließend, leicht, gestaltet er die Übergänge der Sätze, die er auf diese Weise in zwei Paaren faßt, flüssig.

Die Variationen des Allegrettos differenzierte die Staatskapelle in fein abgestuften Charakteren, schattierte nuanciert, als zum Beispiel zweite Violinen, Violen und Violoncelli verschmolzen, immer strahlender und schöner klangen, stufte aber auch in der dritten Variation der Violoncelli ab und betonte die Stimmungsumkehr. Das Scherzo – Presto dann verströmte eine jugendliche Frische, perlte ohne Hetze – so göttlich kann Beethoven klingen! Im neuen Konzertzimmer der Staatskapelle schwebte das Abbild des Komponisten über dem Dirigenten – man hätte meinen können, es beginne zu lächeln…

Mit dem Ende des dritten Satzes schöpfte Herbert Blomstedt noch einmal Ruhe und musikalisch Luft, nach erneut fließendem Übergang folgte das Allegro con brio in leuchtenden Farben. So klingt Beethoven – da saß niemand mehr!

 

7. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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