Dresdner Musikfestspiele: Boston – Vogler – Nelsons

Klangsinnliches Konzert

Gleich am zweiten Tag der Dresdner Musikfestspiele weilte eines der »Big five« in der Frauenkirche – eines der fünf renommiertesten amerikanischen Orchester. In diesem Jahr jenes aus Boston mit Chefdirigent Andris Nelsons, der nicht nur Aufgaben in Bayreuth vor sich hat, sondern vor allem auch in Leipzig, denn mit der übernächsten Spielzeit wird er das Gewandhausorchester übernehmen – parallel zu Boston, Kooperationen sind angedacht. In Leipzig wie auch in Dresden hat der Lette bereits seine musikalische Visitenkarte hinterlassen, zum Beispiel mit Schostakowitsch. Auch für seinen Besuch bei den Musikfestspielen hatte er keine »schmale Kost« vorgesehen: Max Bruchs »Kol Nidrei« mit dem Intendanten Jan Vogler als Solisten sowie Mahlers neunte Sinfonie.

Doch zunächst war es unruhig, aufgeregt und laut. Im allgemeinen sind Photoaufnahmen in der Frauenkirche, zumindest vor einem Konzert, nicht gestattet. Die Angestellten achten darauf, schließlich ist die Frauenkirche in erster Linie kein Konzertsaal, sondern eine Kirche – Ruhe und Andacht gehören deshalb für viele dazu. In Amerika ist jedoch vieles anders. Das hierzulande selbstverständliche Protokoll, wonach zuerst das Orchester gemeinsam die Bühne betritt, dabei mit Applaus begrüßt wird, dann die Instrumente stimmt und schließlich Dirigent und Solist hinzukommen, wird »über den Teich« etwas hemdsärmeliger gehandhabt. Will heißen: Die Musiker kommen vor dem Konzert auf die Bühne, wie es ihnen behagt, und spielen sich warm. Somit gab es auch in der Frauenkirche ein munteres Knäul aus Besuchern und Musikern, die vielen angespielten Motive vermischten sich, so wie man es bei uns nur vor Opernvorstellungen kennt. Gottlob – Konzert bleibt Konzert. Spätestens mit dem Auftreten Jan Voglers und Andris Nelsons kehrte Ruhe und Normalität ein (zumindest fast).

Max Bruchs ließ sich zu seinem Adagio für Violoncello und Orchester durch die Andacht am Vorabend des jüdischen Jom-Kippur-Fest anregen. Wehmütig und schmerzvoll ist sein Stück und nimmt den gesungenen Ton für das ganze Orchester auf. Mancher mag an »Prayer« von Ernest Bloch erinnert worden sein – auch dessen »Skizzen aus dem jüdischen Leben« haben einen ähnlichen Hintergrund, eine vergleichbare Idiomatik. Immer wieder gibt es Bezüge von Motiven im Stück aufeinander, Wechselgesänge der Streicher, des Solisten mit dem Orchester, aber auch anderer Soloinstrumente wie Flöte oder Harfe. Und da war er wieder, der typische Vogler-Ton. Sinnlich, singend, eindringlich. Max Bruch hat die musikalische Schönheit reichlich aufgetragen, fast schon dick – ein üppiges Hors d’Œuvre vor dem riesigen Mahler.

Nach so schöner, aber auch verhältnismäßig kurzer Einleitung hätte eine Zugabe des Cellisten gefreut, doch ließ der Applaus des Publikums allzufrüh nach – leider. Dafür kam er anschließend nach jedem Satz der Sinfonie wieder. Eine unliebsame Begleiterscheinung von Musikfestspielen und Gaststars…

Doch im wesentlichen waren es das Boston Symphony Orchestra und Andris Nelsons, die dem Abend Akzente verliehen. Im Kirchenschiff hatte man sämtliche vordere Reihen ausgebaut und so Platz geschaffen für das riesige Orchester. Während die Streicher zentral saßen, hatten die Bläser im Altarraum Platz, ihren Klang zu entfalten. Eine glückliche und begrüßenswerte Idee, denn sie war Transparenz und Ausbreitung der Musik zuträglich. Irritierend waren die Anfangs deutlich von links tönenden Streicher und Harfen, die doch zentral standen – hatte man hier mit elektronischer Verstärkung gearbeitet? Nötig war es nicht, denn Andris Nelsons wob mit den beiden Orchesterhälften einen dichten Gesamtklang, der trotz aller mahlertypischen Mächtigkeit nicht in Getöse ausartete. Fein auch die Bläser – vor allem das Horn – die sich über den Streicherklang erhoben.

Nelsons formte Mahlers Andante comodo mit viel Klarheit und Reinheit des Gedankens, um drauf in den mittleren Sätzen einen derben Spaß zu gestalten. Die Kontrabässe ließen einen Tanzbär, der scheinbar ein wenig aus dem Takt gekommen war, brummig tappen. Noch derber, aber auch (im Verhältnis zur übrigen Sinfonie) am modernsten tönte das Rondeau, dem der Dirigent eine unerhörte Steigerung widerfahren ließ. Hier spielten dann fast alle Musiker zusammen (während zuvor immer einzelne Gruppen zu pausieren hatten) und gipfelten in einem großartigen, lauten Finale – der lange Nachhall gestattete dem Dirigenten einen Schluck aus der Wasserflasche.

Mit dem Adagio fand Mahler wieder zurück zur Grundstimmung des Anfangs. Elegisch breiteten sich nun einzelne Streichersoli aus, fein, fein schwebend ließ sich auch hier das Violoncello vernehmen. Andris Nelsons schien mit der Hand anzudeuten, wohin dieser Ton entschwebte, viele Besucher der vollbesetzten Frauenkirche folgten ihm ebenso gebannt wie sein Orchester.

7. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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