Bruckners Licht und Mozarts Schatten

Saisoneröffnung der Sächsischen Staatskapelle

Wie schon in den letzten Jahren eröffneten Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle die neue Spielzeit mit einer Bruckner-Sinfonie. Das allein ist schon Ereignis genug, hinzu kam aber noch der erste Auftritt des Capell-Virtuosen Daniil Trifonov. Dieser gilt als einer der »heißesten«, begehrtesten und talentiertesten Pianisten der jungen Generation und tritt nicht allein als Interpret in Erscheinung, sondern auch als Komponist. Nicht nur mit kleinen Stücken – 2014 wurde sein erstes Klavierkonzert uraufgeführt. Man sollte meinen, die Kombination würde dreimal (und mehr) für ein ausverkauftes Opernhaus sorgen, doch leider blieb ausgerechnet der Saisonauftakt auf zwei Konzertabende beschränkt.

Mozarts 21. Klavierkonzert (KV 467) zählt zu seinen schönsten, sein Andante zu den berühmtesten Musikstücken überhaupt. Sanft, geschmeidig und weich begann die Staatskapelle den ersten Satz, Daniil Trifonov ließ den Klavierpart unmerklich aus diesem Klang auftauchen, verlieh mit den ersten dunklen Akzenten neue Konturen. Diese wurden vom Orchester aufgenommen, betont – scharf, hart. Immer wieder erschienen die Streicher aufgeregt, schroff, beinahe preußisch-militärisch. Mehr Eleganz und Grazie wohnte da dem zweiten Satz inne – oder hörte da die Erfahrung mit? Denn mit dem Allegro vivace assai kehrten die mächtigen, lauten Töne wieder. Und auch der Pianist vermochte diese Ruppigkeit nicht zu brechen. Zwar perlte sein Spiel, erfreute mit Technik, mit Läufen, überraschte mit eigenen Kadenzen, welche die Motive verwoben, wieder hervorholten, transponierten und teilweise sogar improvisatorischen Charakter hatten (was nicht zutrifft, Daniil Trifonov hat sie auskomponiert), doch von der Poesie, mit welcher der Pianist noch im Mai mit Liszts erstem Klavierkonzert bei den Musikfestspielen zu bezaubern wußte, war er an diesem Abend weit entfernt. Selbst der Flüge klang, als hätte Steinway das Modell »D« nicht nach der Größe, sondern der Härte (dur) benannt. Nein, diesem Mozart mangelte es an Poesie!

Mit technischer Raffinesse beeindruckte Daniil Trifonov dennoch, so auch in der Zugabe, Bachs Gavotte en Rondeau (aus der Partita für Violine solo E-Dur), die er in einer eigenen Bearbeitung zwischen Claude Debussy und Sergej Rachmaninow changieren ließ.

Wie wandelte sich das Bild (der Ton) nach der Pause! Anton Bruckners dritte Sinfonie stand in der zweiten Fassung von 1877 auf dem Programm. Schon im Dezember 1873 hatte der Komponist einmal notiert »Vollständig fertig«, das Werk aber danach noch einmal gründlich überarbeitet. Eine dritte Fassung gab es später (1788, die Staatskapelle nahm sie einst mit Eugen Jochum auf) auch noch. Obwohl Bruckner seine Sinfonie bei der Überarbeitung etwa um eine halbe Stunde (bzw. ein Drittel) gekürzt hat, kann man kaum von »schlank« sprechen. Eher hat sie etwas titanisches, monolithisches. Aber Christian Thielemann versteht es immer wieder, diesen Titanen und seine »Blöcke« in Licht und Luft fließen zu lassen. Auratisch schritt er durch Bruckners Wälder, ließ auch in dunkelsten Tälern Farben leuchten – jede Note schien einzeln herausgeputzt! Ob gleißende Gipfel oder fahle Schluchten – im Spiel mit den Nuancen verlieh die Staatskapelle jedem Grad eine Bedeutung, fand Ruhepuls und eruptive Strahlenschönheit, matten Schimmer und Gipfelpunkt. Da wirkte auch das Ländlertrio im Scherzo nicht wie ein aufgeklebtes Etikett, sondern hatte innere Glaubhaftigkeit, Witz, Ironie. Von dort ging es zurück zum Finale. Allegro – prächtiger kaum möglich.

3. September 2016, Wolfram Quellmalz

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