Händels Arienkosmos

Bejun Metha und das Philharmonische Kammerorchester in der Frauenkirche

Nach dem gediegenen Beginn seiner Residenz vor einer Woche fügte der Countertenor Bejun Metha der neuen Spielzeit am Sonnabend in der Frauenkirche weitere Farben der Innigkeit und Brillanz hinzu und eroberte zum zweiten Mal binnen acht Tagen das Publikum der Dresdner Philharmonie. Auf dem Programm standen Arien aus Opern und Oratorien Georg Friedrich Händels, angereichert um ein Divertimento und eine Sinfonie Wolfgang Amadeus Mozarts. Bejun Metha trat als Gesangssolist auf und leitete das Philharmonische Kammerorchester um Wolfgang Hentrich.

Georg Friedrich Händel war im London des 18. Jahrhunderts zum Unternehmer geworden, führte eigene Opernhäuser und schrieb – wie damals üblich – seine großen Werke für bestimmte Sänger, wie die Kastraten »Senesino« oder »Farinelli«. Den italienischen Stil hatte Händel früh erlernt und fügte ihn in seine Werke ein – kunstfertiger als mancher italienische Komponist. Damit konnte er über lange Zeit reüssieren, und selbst nach dem Wandel von der italienischen Oper hin zum englischsprachigen Oratorium behielt der Komponist Merkmale dieser Kompositionsweise bei.

Davon zeugten die vier Arien am Sonnabend, welche in den Jahren zwischen 1728 und 1749 entstanden waren – gleichwohl fielen sie im Charakter ganz unterschiedlich aus. Handelte es sich doch um opulent angereicherte Werke, die gleichermaßen von Eroberungswillen wie Liebe zeugen (»Non fu già men forte« aus der Oper »Orlando«), von tiefer Gläubigkeit (»Great God who yet but darkly down« aus dem Oratorium »Belshazzar«) oder die zunehmende Ruhe in der Arie des sterbenden Königs (»Still amare« aus der Oper »Tolomeo, Re di Egitto«) darstellten. Auch »Deeds of kindness to display« aus dem Oratorium »Theodora« verzichtet auf allzu strahlende, triumphale Pracht.

An sich hätten die so unterschiedlichen Stücke wie ein Händel-Potpourri scheinen können, doch mit einer erstaunlichen Wandlungsfähigkeit tauchte Bejun Metha in die jeweiligen Rollen ein und nahm sein Publikum durch Gesang gefangen. Gerade mit kleinen, fast zärtlichen Gesten vermochte er zu betonen, zu vermitteln und zu begeistern. Daß es ihm auch an Brillanz nicht mangelt, bewies er gleich in der ersten der Arien (»Non fu già…«), welche mit jubelndem Jauchzern der Streicher begann, in die prächtige Bläser einfielen– das Finale gehörte jedoch Bejun Methas Verzierungskünsten. Mit der im Text verkündeten Kühnheit Pelides steigerte sich der Countertenor, wobei ihm eine sinnliche Vertiefung statt oberflächlichen Glanzes gelang.

Mit feinen Nuancen überzeugte Metha auch in den folgenden Werken, etwa, wenn der Tod sich schleichend nähert und die Königsworte mit jeder Wiederholung leiser wurden. Als die letzten matt und verschleppt verklungen waren, herrschte kurz andächtige Stille vor dem Applaus.

Bejun Metha kostete die Möglichkeiten der musikalisch gestalteten Kontraste – lauter, leiser, Verschleppung oder Beschleunigung – reichlich aus. Vielleicht hätte schon weniger davon genügt, dennoch blieben seine Betonungen stets sinnreich und vermittelnd. Wolfgang Hentrich und das Kammerorchester waren ein versierter und einfühlsamer Begleiter, der gleichermaßen zu hauchen wie Kontraste zu schärfen wußte, als etwa in »Great God…« die hohen Streicherstimmen blitzend hervorstachen.

Diese Versiertheit und Feinzeichnung konnten die Musiker ebenso in den instrumentalen Stücken, dem Divertimento F-Dur (KV 138) und der Sinfonie A-Dur (KV 201) vorzüglich präsentieren sowie – in der Zugabe, dem Presto aus dem ersten Divertimento D-Dur (KV 136).

11. September 2016, Wolfram Quellmalz

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