Scarlatti traf Cage

David Greilsammer vereinigte in Graupa Klaviersonaten zweier Welten

Dem Papier nach liegen die Welten der beiden Komponisten Domenico Scarlatti und John Cage weit auseinander. Daß dem nicht so ist, bewies am Sonntag im Jagdschloß Graupa David Greilsammer mit einem der spektakulärsten Klavierkonzerte, die man in Dresden und Umgebung zuletzt erleben durfte.

Der Italiener Domenico Scarlatti erfand zwar nicht die Sonate für Klavier bzw. für Tasteninstrumente, prägte aber ihre Form im frühen 18. Jahrhundert wesentlich und beeinflußte auch deutsche Komponisten. Der Amerikaner John Cage wiederum suchte mehr als zweihundert Jahre später ganz neue Formen und brach – scheinbar – mit den Traditionen, die von Scarlatti, Mozart oder Beethoven überliefert worden waren. Oder nicht? Vielleicht nicht ganz, denn bei näherer Betrachtung stellt man fest, daß beide gleichermaßen frei und offen mit ihren Instrumenten experimentierten, einen neuen Klang suchten, eine neue Sprache. Der Pianist David Greilsammer bezeichnet sie deshalb folgerichtig als »Erfinder« und spielte in seinem Programm wechselweise Sonaten beider Komponisten. Dafür hatte der Pianist eine Auswahl jeweils einsätzigen Sonaten getroffen, die sich in der Länge glichen. Während Scarlatti jedoch der uns geläufigen Tonalität verhaftet war, löste Cage diesen Zusammenhang auf und bezog sich nicht mehr auf Dur und Moll. Mehr noch: Cage hat in einem detaillierten Plan festgelegt, wie die Saiten des Klavieres mit Schrauben, eingeklemmten Gummis, Holz und ähnlichem zu präparieren sind – auch hier also suchte er nach neuen Klängen.

Für die Besucher ergab sich schon beim Betreten des Konzertsaales ein ungewohntes Bild: statt gerader Stuhlreihen und einem Instrument an einer der Saalseiten gab es zwei mit den Tastaturen einander zugewandte Flügel, die Zuhörer saßen in Ovalen darum herum. David Greilsammer nahm auf einem Drehhocker Platz, um nach jedem Stück das Instrument zu wechseln – Scarlatti erklang auf dem wunderbaren hauseigenen Bösendorfer, Cage auf einem zusätzlich gemieteten und präparierten Flügel. Und die Rechnung ging auf – die Werke fügten sich ineinander, als lägen nicht mehrere Generationen zwischen ihnen. Jegliche Gegensätze erwiesen sich als reizvoll, mitunter spiegelbildlich. So hatte David Greilsammer Cages Sonate I in die Mitte gerückt.

Zunächst waren die Klangwelten noch höchst unterschiedlich. Auf Scarlattis Sonate K 213 in der Nähe zur Fuge folgte die minimalistische XIV John Cages. Auch später erklang der Italiener öfter silbrig perlend oder sanft plaudernd, der Amerikaner wie eine defekte Spieluhr oder im weiten Klangkosmos versunken. Aber so simpel waren es denn doch nicht, nicht zuletzt, weil Greilsammer Kontraste zu finden und Betonungen zu setzen wußte. Domenico Scarlattis a-Moll-Sonate K. 175 beflügelte er mit eruptivem Impetus, Cages leise gespielte Sonate XVI schien Scarlattis überwältigende Sanftheit aus K. 87 aufzunehmen. Dieses Bespiegeln und Fügen der fünfzehn Stücke geschah so ohne jede Brechung, daß man meinen konnte, das Werk sei von Scarlatti und Cage von vornherein als Zyklus angelegt! David Greilsammer schloß mit Scarlattis D-Dur-Sonate K. 492, die Händel (der Scarlatti getroffen und der am Konzerttag Geburtstag hatte) zu grüßen schien.

In seiner Zugabe verband der Pianist die beiden Klangwelten noch dichter und wiederholte K. 141, nun jedoch auf dem präparierten Klavier.

6. März 2017, Wolfram Quellmalz

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