Musikalische Lesung: »Das kunstseidene Mädchen«

Fritzi Haberlandt zu Gast am Dresdner Schauspielhaus

Irmgard Keun (1905 bis 1982) war eine bekannte Autorin. Stücke wie »Gigli«, »D-Zug dritter Klasse« oder »Kind aller Länder« wurden oft verlegt, vielgelesen und auch verfilmt. Autorenkollegen wie Alfred Döblin, Kurt Tucholsky oder Heinrich Mann schätzten sie. So kam es, nachdem Irmgard Keun weniger publizierte und sich vorrübergehend zurückzog, dennoch zu Neuauflagen und einer Wiederentdeckung. Heute sind ihre Werke bei Kiepenheuer & Witsch, Klett und Ullstein vertreten und sogar als e-Book erhältlich.

»Das kunstseidene Mädchen« erschien 1932. Es erzählt die Geschichte von Doris – Doris erzählt sie selbst. Ins bunte und fröhliche Berlin der 1930er Jahre gekommen, entdeckt Doris die Welt, die Männer, das Leben, taumelt, strauchelt, kommt aber immer wieder weiter. Als Büroangestellte, Schauspielerin auf der Karriereleiter (zugegebenermaßen noch auf den unteren Sprossen), mit verschiedenen Männerbekanntschaften. Was ist Liebe? Sie ist so wenig beschreib- und greifbar wie Doris, das »kunstseidene Mädchen«, selbst. Sie will feine Dame sein, keine Prosituierte (Nutte!), urteilt über die Männer, die lächerlich sind (die sie aber kaum kennt), gerät sprunghaft von Episode zu Episode, Situation zu Situation. Dies alles vertraut sie ihrem Tagebuch an, unverblümt, unverstellt, echt.

Fritzi Haberland kommt auf die Bühne und wird Doris, die achtzehnjährige, das Fräulein – nein, eine »Berliner Göre« ist sie nicht! Sie spricht und zürnt, liest und erzählt und sitzt kaum eine Minute still. Sie läuft herum, ist ständig in Bewegung, spielt, was sie erzählt, unterstreicht mit Bewegungen und Gesten, was passiert, was sie fühlt.

Was an Irmgard Keuns Roman begeistert, ist die Lebendigkeit, mit der Doris erzählt, darüber, was sie denkt, was ihr widerfährt – kein Blatt nimmt sie vor den Mund, offenbart dabei ihre Wünsche, ihre Verletzlichkeit.

Jens Thomas begleitet die Schauspielerin durch den Abend am Flügel, singt Lieder, singt mit ihr, übernimmt auch einmal die Rolle des Antwortenden, wenn Doris telephoniert, intoniert Obertongesang oder schafft klangliche Sphäre – im quirligen Berlin gibt es keine Ruhe. Und dennoch lassen Haberlandt und Thomas keine Unruhe aufkommen, außer der, die zum Stück gehört.

Man bangt um Doris, die abzurutschen droht, einen Pelzmantel stiehlt, zu Heiligabend im Park übernachtet, aber sie hält sich, findet Unterschlupf, bei einem ihrer Männerbekanntschaften, eigentlich immer. Doch als es so aussieht, als wende sich das Blatt, als erfüllte sich ein Traum, da zerplatzt er wieder. Wenn Ernst, dessen Wohnung als Reich erobert scheint, Doris umarmt und »Hanne« seufzt…

Ein Flügel, ein Tisch, ein Stuhl, eine große Plastetasche mit allem, was Doris gehört. Ein Mikrophon holt Fritzi Haberlandt nur herzu, wenn sie singt (»Ich tanze mein Leben« scheint ihr Credo). So entsteht auf der Bühne, was im Stück steht, wird dieses lebendig – mehr braucht es nicht!

1. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s