Bitte zweimal küssen!

Sonderkonzert der Dresdner Musikfestspiele im neuen Konzertsaal des Kulturpalastes

Am Freitag hatte die Dresdner Philharmonie mit einem »Kuß der ganzen Welt« aus Beethovens »Ode an die Freude« ihren neuen Konzertsaal erschlossen, Sonntagvormittag zogen die Musikfestspiele nach: das Dresdner Festspielorchester war mit seinem Leiter Ivor Bolton der erste »fremde« Klangkörper im Haus. »Fremd« sind sie natürlich nicht, denn erstens will der Kulturpalast Begegnungsstätte sein und offen stehen, zweitens tragen die Musikfestspiele nach der Philharmonie ganz wesentlich zur Auslastung des neuen Konzertsaales bei, nicht zuletzt mit der ab Herbst ins Leben gerufenen Reihe »Palastkonzerte«.

Zum Wesen des Festspielorchesters gehört die Suche nach dem »alten« Klang der Zeit. Mit Originalinstrumenten spürten Dirigent Ivor Bolton und seine Musiker diesmal Carl Maria von Weber, Ludwig van Beethoven und Robert Schumann nach. Letzterem hatte schon das Programm des vormaligen Jahrgangs gegolten – damals spielte das Orchester Schumanns zweite Sinfonie und sein Cellokonzert mit Jan Vogler im Konzert und nahm es auf CD auf. Nun folgte die vierte Sinfonie, die rauschhafte Züge anzunehmen vermag.

Zuvor jedoch stand Carl Maria von Webers »Freischütz«-Ouvertüre auf dem Programm. Mit markanten Bläsern – der Klang von Naturhörner und -trompeten weicht deutlich von unseren Hörgewohnheiten ab – und Tempoänderungen beschwor Ivor Bolton Stimmungen zwischen dunkel dräuend bis volkstümlich fröhlich herauf.

So »bunt« ging es in Ludwig van Beethovens »Tripelkonzert« nicht zu. Hier stehen dem Orchester drei Solisten gegenüber: Violine (Nicola Benedetti), Violoncello (Festspielintendant Jan Vogler) und Klavier (Alexander Melnikov) – ein ganzes Klaviertrio. Für den Originalklangsucher Melnikov hatte man eigens einen historischen Graf-Flügel mitgebracht, jedoch zeigte sich schnell – das paßte nicht. Das wunderschöne Hammerklavier kann Farben leuchten lassen, die man auf einem modernen Flügel nicht finden würde, es wandelt seinen Charakter über die Tonlagen, wo ein Steinway mit Gleichmaß und Konstanz ganz andere Qualitätsmaßstäbe definiert. Doch das klangliche Schimmern und Leuchten ging in diesem großen Saal verloren. Ganz klar – die historisch informierte Aufführung paßt ins Palais im Großen Garten, dort ist ihr zu Hause, im modernen großen Konzertsaal ist sie dagegen verloren. Auch im Orchester schien es, als sei dieser Beethoven »zu klein«, was aber nicht an der Besetzungstärke lag. Hinhöreffekte ergaben sich dennoch, vor allem der zweite Satz als kammermusikalisches Intermezzo gewann.

Da fühlte sich Robert Schumanns vierte Sinfonie schon deutlich wohler an diesem Platze. Immer wieder flutet sie dem Zuhörer entgegen, mit herrlich erfrischenden Blechbläsern, einem kernigen Scherzo, mit Posaunen, die den Baßhintergrund durchleuchten.

Noch sind also nicht alle Fragen geklärt im neuen Saal. Über jene, wie oft man ein Blumenmädchen küssen darf – einmal? zweimal? – haben sich Ivor Bolton und die junge Dame schnell geeinigt.

1. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

weitere Informationen zu den Dresdner Musikfestspielen und den Palastkonzerten unter http://www.musikfestspiele.com

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