Marienvesper in der Annenkirche

Hochschule für Kirchenmusik mit Monteverdis Schlüsselwerk

Manchen mag die Ankündigung, daß ein eindeutig der katholischen Liturgie zugeordnetes Werk von einer evangelischen Musikhochschule vorgetragen werden soll, verwundert haben. Aber einerseits – weiß man gerade in der Annenkirche – würde man etwas versäumen, sich solche Werke aus konfessionellen Gründen zu entsagen. Vielmehr sollte man doch (wie es Heinrich Schütz und andere taten) offen sein – deshalb fällt schließlich niemand von (seinem) Glauben ab. So war auch im Programmheft zu lesen, daß die Aufführung dem Geist »guter evangelischer Freiheit und ökumenischer Weite in Respekt vor der Überzeugung der anderen Konfession« folge.

In seiner »Vespro della Beata Vergine« (SV 206) ergänzt Monteverdi die Form der musikalischen Vesper mit Invitatorium, Psalmen, Hymnus und Magnificat um sogenannte Concerti (mit teilweise weltlichen Texten) und kombiniert sie mit Elementen der Gregorianik. Eindeutig einem liturgischen Zweck zuschreiben läßt sich das Werk nicht, in manchen Teilen (Concerti) sind zudem Fragen der Instrumentation offengelassen und bieten den Ausführenden Gestaltungsspielraum.

Um diesen zu füllen, hatten sich die Hochschule für Kirchenmusik und Dirigent Stephan Lenning am vergangenen Sonnabend bewährte Partner gesucht. Die Cappella Sagittariana ist mit der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts bestens vertraut, zudem hatte man Solisten verpflichtet, welche die Werke ebensogut kennen. Herausragend zu nennen ist hier vor allem Isabel Jantschek. Es gibt eben ein Singen und ein »Auf den Flügeln des Gesanges«. Isabel Jantschek kann berühren, ohne daß es sie eine Anstrengung zu kosten scheint, ohne auffällig zu vibrieren oder »technisch« zu klingen. Sie ließ einfach ihren warmen Sopran verströmen, der auch in leisen Passagen noch in die hintersten Winkel drang, strahlte Ruhe aus, überstrahlte ihre Solistenkollegen jedoch nicht. Denn das Ensemble (u. a. mit Heidi Maria Taubert / Sopran sowie den Bässen Martin Schicketanz und Matthias Lutze) fiel als musikalische Gruppe nicht auseinander. Christian Volkmann und Tobias Hunger waren einmal mehr hervorragende Tenöre, die, um Marc Holze aus den Reihen der Hochschule ergänzt, die Dreieinigkeit (hier Vater, Wort und Heiliger Geist) ohne Orchesterbegleitung versinnbildlichten.

Der Mittelteil gelang besonders stark, mit einnehmenden Stimmen und sinnfälligen Effekten. In der Ausgewogenheit der Gegenüberstellung und der Schärfung von Kontrasten traten Martin Schicketanz und Matthias Lutze immer wieder hervor. Aber auch der Hochschulchor (seinerseits in zwei Gruppen) zeigte sich auf der Höhe und von großer Ausgewogenheit. Für die Antwortbekräftigungen im Concerto: Audi coelum hatten Christian Volkmann und Lukas Henning (Laute) schließlich den Raum der hinteren Empore aufgesucht, Tobias Hunger trat als Echo im Magnificat hinter den Altarraum.

Höchst unterschiedlich hat Claudio Monteverdi die instrumentale Begleitung vorgesehen. (Ebenso erfuhr das mehrfach wiederkehrende »Amen« einen farblichen Wandel.) Die Cappella Sagittariana ließ die Streicher wohlig klingen und betonte mit Bläsersoli von Flöten oder Posaunen und Zinken. Wichtigste Basis aber war natürlich die Basso-continuo-Gruppe.

6. November 2017, Wolfram Quellmalz

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