Doppelte Klaviermatinée

Katia und Marielle Labèque im Dresdner Kulturpalast

So stellt man sich eine »Residenz« vor: die Residierenden, in diesem Falle Katia und Marielle Labèque, treten auf und der Saal ist voll. Am Sonntagvormittag jedenfalls war der Kulturpalast bis in die oberen Ränge, die Chor- und die Orgelempore bestens besucht. Dabei war das Programm – wenn man nach Bekanntheit und vermeintlicher »Zugkraft« geht – durchaus gemischt: auf Igor Strawinskys »Le sacre du printemps« – ein Stück aus dem Kernrepertoire der Philharmonie – folgte Claude Debussys selten zu hörende »Six Épigraphes antiques« sowie »Four Movements for two Pianos« von Philipp Glass.

Strawinskys Ballettmusik wartet in der Orchesterfassung mit fremden Klängen, Verzerrungen und Dissonanzen auf, mit prägnanten (stampfenden) Rhythmen. In der vom Komponisten selbst eingerichteten Fassung für zwei Klaviere sind diese nicht minder enthalten, schienen in der Interpretation der beiden kanadischen Pianistinnen jedoch weniger »gewalttätig«. Einen Verlust an Intensität vermochte man dennoch nicht zu finden – eruptiv entfaltete sich schon die Einleitung, durchlief Entwicklung und Klangbilder von düsterem Schreiten über Mondscheinepisoden bis zu luziden, dann explosiven Farbschatten. Strawinsky kann hell schimmern, und in seinen perkussiven Elementen schienen Katia und Marielle Labèque bereits auf Philipp Glass hinzuweisen. Geradezu bannend entwickelte sich die Macht der beiden Instrumente, die einen ganzen Orchesterapparat mühelos ersetzten.

Wieviel zarter war da Claude Debussy! Auch wenn der Komponist das »Bild« nicht mochte (was verständlich ist, da es ein originäres Werk an bereits bestehendem relativierte) – der Vergleich seiner Musik mit dem Impressionismus scheint uns (mit dem historischen Abstand) heute treffend. Nicht »farbklecksend«, wie das Programmheft sagte, sondern leicht, luftig und farbig ist er, war das Spiel der beiden Schwestern – und wie groß der Kontrast zum Beginn des Programms! Nun badeten die Labèques ihre Zuhörer in opaken Farbspielen, die dennoch nie ihre Klarheit und Struktur verloren. Goldschimmer schien sich mit einem Wasserquell zu verbinden, stand im Dämmer – oder war es ein Zeichen der Vergänglichkeit der Liebe?

Mit Philip Glass fügten Katia und Marielle Labèque dem noch einen weiteren Kontrast hinzu. Rhythmisch aufpeitschend und energetisch gelang der Vortrag, doch zeigte sich auch, daß das musikalische Material der »Minimal Music« deutlich geringfügiger ist als die reichen Farbspielereien Strawinskys oder Debussys. Glass schien permanent zu insistieren, fand im zweiten Stück zu angenehmen Plauderton, bevor er im dritten erneut getrieben durch den Saal jagte. Rhythmus ist hier wichtiger als Melodie, ihn erweckten die beiden Schwestern impulsiv zum Leben, was aber über manche Harmlosigkeit der Musik nicht hinwegtäuschen konnte.

Im Spiel beeindruckten die Labèques auf jeden Fall, so waren zwei mitreißende Zugaben (beide Bernstein / West Side Story) fällig. Viel Applaus! Da darf man gespannt sein auf den Abschluß der Residenz: am 16. und 17. Juni kommen die kanadischen Schwestern noch einmal nach Dresden und spielen mit der Philharmonie Bryce Dessners Konzert für zwei Klaviere und Orchester von 2017 (Leitung: Juanjo Mena).

26. Februar 2018, Wolfram Quellmalz

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