Effektvolle Allegorie

Collegium 1704 mit einem frühen Oratorium Antonio Caldaras in der Annenkirche

Die ersten Oratorien unterscheiden sich noch erheblich von den Werken, wie sie in Mitteldeutschland um die Bach-Zeit geprägt wurden. Antonio Caldara nahm in »Maddalena ai piedi di Cristo« zwar die Figur der Maria von Magdala auf, die auch im Lukasevangelium beschrieben ist, beschränkte sich aber nicht auf ein Nacherzählen. Ebenso wurde überrascht, wer angesichts des Fehlens von Holzbläsern und Chor ein besonders schlichtes Werk erwartete. Ganz im Gegenteil ist »Maddalena ai piedi di Cristo« ein äußerst effektvolles Stück, das Elemente kirchlicher und weltlicher Musik aufgreift.

Dies wurde zur Aufführung am Mittwochabend in der Annenkirche schnell klar, denn irdische (Amor Terreno, Sonia Prina / Alt) und himmlische Liebe (Amor Celeste, Raffaele Pe / Countertenor) fochten einen allegorischen Wettstreit aus. Während beide ebenso wie Fariseo (der Pharisäer, Hugo Oliveira / Baß), Marta (Silvia Frigato / Sopran) und Cristo (Václav Čižek / Tenor) jeweils vor die Musiker traten, saß Maddalena (Francesca Aspromonte / Sopran), das Objekt der Auseinandersetzung, immer in deren Mitte.

Im Kern geht es um die Bekehrung der Sünderin Maddalena, was Caldara in seinem Werk ungemein hell beschrieben hat. Statt Buße, In-sich-gekehrt-sein und Stille herrschen lebhafte musikalische Farben vor, die von Streit und Triumph zeugen. Schon die einleitende Sinfonia setzte Leiter Václav Luks feurig um – nichts anderes als ein Kampf wurde hier vorbereitet. Und der versprach auch ohne Holzbläser Klangpracht: neben einer reichen Continuogruppe mit Harfe setzte das Collegium ein zweites (konzertantes) Cembalo ein.

Während Sonia Prina zunächst mit samtig-rauher Stimme den Schlaf Maddalenas beschwor, beeindruckte Raffaele Pe mit der ungemeinen Strahlkraft seiner Stimme – am Ende blieb die himmlische Liebe Siegerin. Strahlend konnten Francesca Aspromonte, Silvia Frigato und Hugo Oliveira überzeugen, aber auch, weil sie ganz unterschiedliche Charaktere darstellten und sich dabei reicher Ausdrucksmittel bedienten. Francesca Aspromontes Sopran glitzerte mit rollendem »r« und es schien, als würde sie als Umworbene (oder Umzankte) mit der Rolle Maddalenas kokettieren. Silvia Frigato trat immer wieder als besänftigende Fürsprecherin auf und betörte mit großer Eleganz, während Hugo Oliveiras Pharisäer einige Male in Zorn geriet, jedoch nie an Melodiösität verlor und gut verständlich blieb.

Am Ende des ersten Teils ist Maddalena bereits entschlossen, ihr Leben zu ändern – eine Freude, die Francesca Aspromonte mit aufgesetztem »i« der »Diletti« betonte. Václav Čižek entwickelte zum »durchdringenden Blick« auch stimmliche Eindringlichkeit.

Den instrumentalen Virtuosen hatte Antonio Caldara eine prägende Rolle geschrieben, wie die Soli von Violine (Konzertmeisterin Helena Zemanová) und Violoncello (Hana Fleková) bewiesen. Letztere übrigens auf einem Podest, um die Wirkung zu verstärken – das kennt man eigentlich erst von späteren Cellowerken und Instrumenten mit Stachel. Doch der Effekt gelang hervorragend, ebenso wie die Musiker rhythmische Passacaglien zu »flammenden Altären« in Szene setzten oder beim Zorn des Pharisäers fast schlagend auftrumpften – ganz ohne Pauken.

22. Februar 2018, Wolfram Quellmalz

Tip: Im nächsten Konzert des Collegiums 1704 (wieder mit dem Collegium Vocale 1704) ist am Ostermontag Händels »Messiah« zu erleben (2. April, 19:30 Uhr, Annenkirche Dresden).

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