Violine, Cello und eine besondere »Gewürzmischung«

Duo KonVersatIonen in der Leubener Himmelfahrtskirche

Denkt man an den Komponisten Antonio Vivaldi und seine »Vier Jahreszeiten«, mag man kaum glauben, daß sie einmal vergessen waren und gerade erst im zwanzigsten Jahrhundert (!) wiederentdeckt wurden – heute gehört Vivaldi neben Bach zu den Barockkomponisten schlechthin. Doch immer nur »Jahreszeiten« – wer wollte stetig das gleiche das hören? Wer seinen Blick hebt, findet nicht nur in Dresdens »Schranck No. II«, sondern ebenso in den Bibliotheken von St. Petersburg, Stockholm oder London neue, alte Trouvaillen. Oder in Bologna – die Accademia Filarmonica, 1666 gegründet, existiert bis heute. Dank solcher Musikzentren wissen wir, daß es nicht nur einen »italienischen« Stil in der Musik gab, sondern sich in jedem Zentrum – Venedig, Neapel, Bologna… – eigene Formen entwickelten.

Glücklicherweise sind wir auf wissen nicht beschränkt, sondern können die Reichhaltigkeit der Alten Musik immer wieder in Aufnahmen und Konzerten neu erleben. Ragù alla Bolognese hatten Karen Margit Ehlig (Violine) und Isolde Winter (Violoncello) ihr Programm am Sonntag in der Himmelfahrtskirche Leuben überschrieben und dem geographischen Zentrum eine weitere Bestimmung hinzugefügt. In kleinstmöglicher Kammerbesetzung zeigten die Musikerinnen nicht zuletzt ein hochvirtuoses Spiel im Spiel: um 1700 bereits übernommene Formen wurden schon damals neu betrachtet, verarbeitet, imitiert und variiert. So war der Baß keineswegs nur Begleitung – Komponisten wie Bartolomeo Girolamo Laurenti, Angelo Berardi da Sant’Agata Feltria oder Giovanni Battista degli Antonii ließen das Cello diese Rolle immer wieder verlassen oder haben ihm a priori eine gleichwertige Stimme geschrieben.

Der Abend begann mit einer Toccata per il Violoncello von Giovanni Battista Vitali, »Grußworten«, denen die Oberstimme der Violine in Pietro degli Antoninis Sonata III, Opus 4, fließend hinzutrat. Die warm tönenden Instrumente mit Darmsaiten hatten in der Kirche einen idealen Klangraum gefunden. Und spätestens mit Giovanni Battista degli Antoniis Ricercata Seconda wurde jedem Zuhörer die Gleichwertigkeit der beiden Stimmen klar, als Violinistin und Cellistin pausenlos ein Band von rhythmischen Variationen und Verarbeitungen knüpften.

Verblüffend ist, welche Ideen und Ornamente die Komponisten zu verbinden wußten sowie die Vielfalt, die sie dabei entwickelten, ein Thema in immer neuen Spielfiguren erscheinen zu lassen. Ein blühendes Beispiel von vielen war Domenico Gabriellis Ricercar III für Violoncello solo. Doch auch die Folge der Sätze in den Sonaten und Divertimenti, meist auf Tänze zurückgehend, war so abwechslungsreich wie stimmungsvoll. Anders als beim venezianischen Konzert mit (meist) drei relativ ausgedehnten Sätzen folgten die Werke oft der von der Kirchensonate (langsam – schnell – langsam – schnell) bekannten Form mit vergleichsweise kurzen Sätzen. Doch ist dieses Schema weder immer gültiges Passepartout noch eine langweilige »Bildungsvorschrift«. Der Umgang mit der Satzfolge war, ähnlich den Suiten – durchaus frei, zudem überraschten immer wieder Effekte wie ein im Largo von Giovanni Battista Bononcinis Divertimento VI da camera durchgehend pizzicato gespieltes Cello zur Melodiestimme der Violine. Mit dem Vivace entließen KonVersatIonen ihr Publikum in den Abend.

19. Februar 2018, Wolfram Quellmalz

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