Verbindlicher Chorgesang

Regensburger Domspatzen in der Frauenkirche

Mancher mag die »Buben« bedauert haben, daß sie jetzt noch Konzerte geben müssen – doch halt! Das oberpfälzische Regensburg liegt im Freistaat Bayern, und dort beginnen die Sommerferien erst am 30. Juli. (Und dauern, nebenbei gesagt, bis zum 10. September. Dann werden Sachsens Schüler schon einen ganzen Monat Unterricht hinter sich haben und wohl längst die Herbstferien herbeisehnen.) Mit zwei Konzerten verabschiedeten sich die Regensburger Domspatzen also in die Sommerpause, eines fand am Sonnabend in der Frauenkirche statt.

Ein Blick ins Programm verriet zunächst, daß hier ein originales Klangbild vermittelt werden sollte, denn trotz »Auswärtsspiel« und Sommer schöpfte der Chor aus seinem ureigenen Repertoire, und das sind meist Werke geistlichen (katholischen) Ursprungs. Diese sind dennoch höchst unterschiedlich, nicht nur in den liturgischen Anlässen, sondern auch in der Umsetzung der Texte durch die Komponisten, in der Anlage, im Charakter, im Klang. Von Orlando di Lasso und Giovanni Pierluigi da Palestrina, zwei der berühmtesten Vertreter des 16. Jahrhunderts, bis zu Eric Withacre und Ivan Moody, Komponisten unserer Tage, reichten die Programmpunkte, aber auch von Jesu Geburt bis zur Schmerzensmutter Maria.

Geradezu verblüffend gerieten schon das einleitende »Pueri hebraeorum« des Spaniers Tomás Luis de Victoria sowie Orlando di Lassos »In monte oliveti«. Während de Victoria noch die hellen Chorstimmen prägten, traten in di Lassos Motette die tiefen Stimmen deutlich hinzu. Und diese sind bei den Domspatzen durchaus mit Sopran und Alt im Gleichgewicht. Das sollte der eine prägende Höreindruck sein: die Ausgewogenheit der Stimmen bis zu Baritonen und Bässen. Eine deutlich »hellere« Färbung des Gesamtklanges wie bei anderen Knabenchören herrschte nicht vor, im Gegenteil klangen die Domspatzen manchmal fast wie ein erwachsener gemischter Chor.

Ein anderes (und mit dem vorhergehenden eng verbundenes) Hörmerkmal war die Homogenität. Mit solchen Qualitäten läßt sich natürlich trefflich »spielen«, sprich: singen und gestalten. Wie in György Deák-Bárdos »Eli, eli!«, das sich auf Jesu Worte »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« bezieht. Es war nicht das einzige Lied, bei dem in knappen Versen Momente großer Emotionalität geschaffen wurden, der Chor die Spannweite von verzweifeltem Aufschrei zu Verinnerlichung und Ruhe nachvollzog. Giovanni Gabrielis polyphon meisterliches »Jubilate Deo«, die meditative Besinnung in Maurice Duruflés »Notre Père« oder Anton Bruckners »Locus iste« berührten ganz besonders. Beeindruckend schwebend geriet Eric Withacres »Lux aurumque« (goldenes Licht), was einen ersten, spontanen Zwischenapplaus hervorrief. So verständlich und passend dieser war, störte er an den nachfolgenden Stellen doch arg, vor allem, weil er die den Stücken folgende Ruhe so explosionsartig brach.

Die Regensburger Domspatzen lernen – wie andere Musikschüler auch – nicht allein eines, das Chorsingen, sondern auch ein Instrument. Simon Rager (Johann Sebastian Bachs Adagio und Fuge aus BWV 654) und Christoph Preis (Finale aus Louis Viernes zweiter Orgelsinfonie) führten ihre Künste an der Kern-Orgel scheinbar mit Leichtigkeit vor.

Mit Joseph Gabriel Rheinbergers »Abendlied« verabschiedete sich der Chor von seinem Publikum. Die angefügte Zugabe (»Guten Abend, gut’ Nacht«) unterstrich noch einmal die Guten-Abend-Wünsche, der nun vor dem Schlußapplaus anhaltende Stille folgte.

15. Juli 2018, Wolfram Quellmalz

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