Vereinnahmender Klarinettengesang

Andreas Ottensamer in der Dresdner Frauenkirche

So wie einst die Stadlers und später Richard Mühlfeld (dessen Brüder ebenfalls musikalisch waren und Instrumente spielten) begeisterten und begeistern weltweit die Ottensamers mit Musik. Als The Clarinotts waren sie zu erleben, ein Trio, das es nach dem plötzlichen Tod des Vaters Ernst im vergangenen Jahr nicht mehr gibt. Seine Söhne betören nach wie vor das Publikum, als Solisten sowie im Orchester der Wiener (Daniel) bzw. Berliner (Andreas) Philharmoniker.

Nach einem »wienerischen« Abend im April kehrte Andreas Ottensamer nun zurück, an seiner Seite die Kammerakademie Potsdam. »Mannheimisch« hätte es heißen können, das Programmheft titelte »impulsiv« – das klingt vielleicht etwas besser, aber doch ziemlich aufgesetzt. Auf derlei Marketingfloskeln könnten das Haus und die Musik wohl verzichten! Erst recht, wenn einem so etwas geboten wird.

»Geboten« wurden vor allem Werke, die in Mannheim oder für die Mannheimer Hofkapelle entstanden sind, dazu Wolfgang Amadé Mozarts reizende Sinfonie Nr. 12 G-Dur (KV 110), wobei die Kammerakademie hier aber noch hörbar ein klares Zusammenspiel suchte. Christian Cannabichs Sinfonie Nr. 49 in F-Dur, ein lebendiges Stück Musikgeschichte, gelang nach der Pause weitaus besser.

Und doch stand das Orchester diesmal deutlich im Schatten des Solisten, was nur teilweise mit dessen exponierter Stellung zu tun hatte. Denn Carl Stamitz Klarinettenkonzert Nr. 7 oder jenes seines Vaters Johann in B-Dur verlangen zwar einen großartigen Virtuosen, stellen diesen aber in den Dienst der Sache, der Musik, und verwöhnen nicht nur in den Adagios mit Melodiösität. Was der Solist besitzen muß, ist vor allem Einfühlsamkeit, sonst geht eben jene musikalische Quintessenz verloren.

Andreas Ottensamer überzeugte mit einer warmen Tongebung und reichem Klang, mit stupender, effektvoll eingesetzter Technik und (als Leiter) mit einem entsprechenden Gestaltungssinn. Mit verlangsamten und wieder beschleunigten Figuren und sanft decrescendierend sowie crescendierend sorgte er für gleitende Übergänge, Schattierung und Färbung, wobei dies spontan gelang und nicht eingeübt wirkte – solcherlei Effekte gehörten zum damaligen Mannheimer Orchester.

Im Allegro spirituoso Johann Stamitz‘ zum Beispiel wurde das Orchester zunächst leiser, was das anschließende Solo betonte, als sei es eine Kadenz ohne Begleitung. »Nicht allein exponiert« bedeutet aber auch, daß sich der Solist vor dem Orchester und die Solisten darin gegenüberstehen, wie bei Carl Stamitz (Allegro molto), wo Flöten und vor allem Hörner als Echo und Widerhall wirkten.

Ohne Mozart kann man Mannheim nicht denken. Das gilt heute ebenso, wie es wohl damals war. Und so endete das Konzert mit einer wunderbaren Paraphrase bzw. Phantasie über »Là ci darem la mano« aus »Don Giovanni« von Franz Danzi.

Munter, spielfreudig und lebendig – der Einfallsreichtum der damaligen Komponisten war enorm. Gut, daß uns Künstler wie Andreas Ottensamer daran erinnern!

9. September 2018, Wolfram Quellmalz

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