Gewichtiger Auftritt

Alexander Krichel gastiert in der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche

Vor vier Jahren hatte der Pianist mit der Preußischen Hofmusik in der Frauenkirche bereits ein bemerkenswertes Konzert gegeben, das bis hin zum Öffnungswinkel des Flügels austariert war, bei der Schumanniade 2016 beglückte Alexander Krichel unter anderem mit Felix Mendelssohns »Variations sérieuses«. Nun kehrte der Hamburger in die Frauenkirche zurück.

»Bach modern« titelte das Programmheft wenig treffend, denn zwar gehörte Johann Sebastian Bachs Englische Suite a-Moll zu den gespielten Stücken, doch das zwanghafte Marketing-Etikett hatte sonst nicht viel mit dem zu tun, was geboten wurde – und das war gewaltig.

Mit dem BWV 807 eröffnete der Pianist sein Programm, fein strukturiert und mit bedachtem Pedaleinsatz. Es war beeindruckend, wie Alexander Krichel nicht einfach die Stimmen nebeneinander perlen ließ, sondern durch dynamische Akzente für Schattierungen sorgte, ohne einen romantischen oder aufgesetzt »modernen« Klang zu erzeugen. Nicht ebenmäßiges Gleichmaß, sondern punktierte Bewegung prägte das Spiel auch und gerade in den kontrapunktischen Passagen.

Weit »mehr Pedal« gab er in Maurice Ravels Le Tambeau de Couperin. Obwohl sich der Komponist formal auf die Sätze der Couperin-Zeit bezog, hat er doch kein »anachronistisches« Stück geschrieben, sondern eines seiner Zeit, was Alexander Krichel ganz klar hervorhob und dem Werk immer wieder impressionistische Farben verlieh – wunderbar gelang die Forlane. Doch in seinem Maß war der Pianist insgesamt überschäumend, fast gewaltig, tendentiell schon expressionistisch.

Mendelssohns Variationen, die auch am Sonnabend erneut auf dem Programm standen, erwirkten dagegen einen großen, traumversunkenen Kontrast. Das Ausdrucksspektrum Krichels ist berückend, allerdings irritiert sein mimisches Spiel (seit wann macht er das?) dabei ebenso wie ein Pedal, was immer wieder die Schlußtöne verzerrte.

Schimmer und Donner hatte der Pianist in vielen Stufungen parat, mit Robert Schumanns Sinfonischen Étuden Opus 13 durchschritt er nochmals einen gestalterischen Parcours, formulierte elegant den Auftakt der 1. Étude Un poco più vivo, belebte die 4. energico, fand in der letzten, einen brillanten, gleichwohl überschäumenden Schluß.

Da wirkte seine Zugabe, ein selbst komponiertes Wiegenlied, doch fast schlicht, wenn nicht simpel im Vergleich.

29. September 2018, Wolfram Quellmalz

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s