Ruf zur Versöhnung

Bemerkenswertes Konzertprojekt der Singakademie Dresden mit vielen Beteiligten

Nicht nur die aktuelle, weltweite Lage, auch die Jahreszahlen lenken unsere Gedanken in diesen Tagen auf das Thema Frieden. Das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Geburt Nelson Mandelas vor einhundert Jahren nahm die Singakademie Dresden mit vielen befreundeten Partnern zum Anlaß für ein großes Projekt – schon der von Dirigent und Leiter Ekkehard Klemm verfaßte Begrüßungstext des Programmheftes ist beachtenswert, rückt er doch ohne Verklärung Ereignisse der Vergangenheit, auch der DDR, ins rechte Licht und erinnert an damals (und heute) Beteiligte.

Der Ursprung war ein Auftritt der Singakademie Dresden beim Internationalen Mozart Festival Johannesburg vor drei Jahren. Zu den Initiatoren zählten der Dirigent Richard Cock aus Johannesburg sowie der Pianist und Intendant des Festivals, Florian Uhlig. Die Idee damals war, daß ein südafrikanischer Chor in Dresden und Leipzig gemeinsam mit dem Sächsischen Landesjugendorchester, der Singakademie incl. ihres Kinderchores und dem Mädchenchor des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Benjamin Brittens »War Requiem« aufführen sollte. Dieses Projekt wurde nun mit 200 (!) beteiligten Personen umgesetzt und fand gestern die erste Aufführung in der Dresdner Kreuzkirche. Das Konzert wird heute im Gewandhaus zu Leipzig wiederholt, bevor das Projekt den Austausch in Südafrika (16. Oktober / Johannisburg und 19. Oktober / Kapstadt) vollendet.

Außer den genannten Chören und dem Jugendorchester sind die Sinfonietta Dresden sowie drei Solisten eingebunden. Schon die Raumaufteilung und Koordination war bemerkenswert: Siyabonga Maqungo (Tenor) und Daniel Ochoa (Bariton) hatten gemeinsam mit der Sinfonietta unter der Orgelempore Platz gefunden, oben sangen die Chöre der Kinder bzw. Jugendlichen, Andiswa Makana (Sopran), Singakademie und Jugendorchester standen im bis auf den letzten Zentimeter gefüllten Altarraum – die Röhrenglocken des Schlagwerkes hatten auf der Kanzel ihren Platz gefunden. Somit dürfen neben Ekkehard Klemm (Gesamtleitung) Richard Cock und Claudia Sebastian-Bertsch als Dirigenten für Sinfonietta und Solisten bzw. Kinderchöre sowie Robert Schad (Assistenz) nicht vergessen werden.

Auch das Programm war nach der Anfangsidee noch ergänzt worden. Brittens effektreichen, geradezu blühendem Requiem war die Trauermotette »Wie liegt die Stadt so wüst« von Rudolf Mauersberger vorangestellt, ein vergeistigtes Werk, das (noch) nicht den Neuanfang aufzeigt, sondern zunächst in fassungsloser Frage innehält – die Reihenfolge der beiden Stücke war also zwingend.

Der riesige Chor der Singakademie und des Symphony Choir of Johannesburg überzeugte mit seiner Ausgewogenheit und Homogenität. Ebenso blieben hinsichtlich der Artikulation kaum Wünsche offen – wie gut gerade bei den durch Rudolf Mauersberger vertonten Worten. Den Entsetzensschrei und die Verinnerlichung einer Andacht brachte die Singakademie in der vergleichsweise knappen Länge des Werkes um so beeindruckender zum Ausdruck.

Benjamin Brittens Requiem ist mit seinem um Gedichte Wilfred Owens erweiterten Text und im Hinblick auf den Wiederaufbau der Kathedrale Coventrys allein bereits ein übermäßiges Werk. Darüber hinaus hat der Komponist dem Werk aber nicht nur lautmalerisch oder dramaturgisch die Schrecken des Krieges eingeschrieben, sondern auch Sehnsucht und Zukunftshoffnung dargestellt, die Ambivalenz des Lebens. Neben deklamatorischen Passagen und an Engelsgesang heranreichenden Chören hat Benjamin Britten Trost vertont sowie sanfte Schönheit, immer wieder (nicht nur am Beginn und am Schluß) zeitigen Glockenschläge Zeitenwende, Stillstand, Änderung und Besinnung.

Die Wirkung der Aufführung war ganz außerordentlich, authentisch und engagiert. So waren die Solisten nicht einfach Gäste oder nach Herkunft und Hautfarbe ausgewählt, sondern füllten ihre Rollen vorzüglich aus. Daniel Ochoa ist in Dresden und der Kreuzkirche bereits von vielen Auftritten bekannt, mit Siyabonga Maqungo stand ihm ein gleichwertiger Partner zur Seite, mit dem er auch mehrfach zu Duetten fand. Kraftvoll, geschmeidig und farbenreich war die Stimme Andiswa Makanas – gerade ihre Auftritte mit dem großen Chor als Partner im Dies Irae ein Erlebnis! Im Agnus Dei erwuchsen Siyabonga Maqungo und der Chor zu ähnlich beeindruckender Paarung. Das aus zwei Ensembles bestehende riesige Orchester (Einstudierung des Landesjugendorchesters: Milko Kersten) überzeugte mit Präzision und feiner, subtiler Klanggebung, Pascal Kaufmann spielte die große Jehmlich-Orgel einfühlsam leise.

Großartig, wie die vielen Sänger (darunter etliche Laien), Musikschüler und Solisten hier zusammenwirkten – man kann dem Projekt nur wünschen, daß es und seine Botschaft überall so ankommt. Natürlich ist dann – gerade in einer Kirche – die Frage, ob man nach einem Requiem applaudieren darf, eine Frage. Ein konkreter Anlaß in Form eines Trauerjahrestages war zumindest nicht gewählt, und so applaudierten die meisten, manche jubelten, andere waren still nicht weniger dankbar.

12. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

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