Konzert statt Gala

Musikbrücke Prag – Dresden feiert zehnjähriges Jubiläum

In den letzten Jahren war das Herbstkonzert des Collegiums 1704 immer Bestandteil der Tschechisch-Deutschen Kulturtage oder zumindest im »Prolog« enthalten. Ausgerechnet jetzt, zum zehnjährigen Bestehen der Konzertreihe in der Dresdner Annenkirche gehört es aber nicht mehr dazu, und das, obwohl am Dienstag zeitgleich die Festtage in Ústí nad Labem ihren Auftakt hatten. Dabei gäbe es kaum einen besseren Botschafter als diese Brücke, denn sie beschwört nicht nur eine Partnerschaft oder Tradition, sie füllt beides höchst lebendig aus.

Der Name des Collegiums bzw. die darin enthaltene Jahreszahl leitet sich aus dem Datum der ersten auf Jan Dismas Zelenka hinweisenden Urkunde ab. Der Böhme war Hofkomponist in Dresden und steht damit doppelt Pate für die Musikbrücke, die seit nunmehr zehn Jahren fest in den Konzertkalender vieler Dresdner und Prager gehört. So kommen die Musiker und ihr Chor, das Collegium Vocale 1704, nicht nur als Gäste – sie haben viele hiesige Musiker und Sänger in ihren Reihen. Die »Brücke« reicht sogar noch weiter: so wie damals schon Menschen nach Dresden kamen und von hier in die Welt gingen, ist das Collegium 1704 in ganz Europa unterwegs. Das Konzert am Dienstagabend wurde vom Kinderchor Les Pages du Centre Musique Baroque de Versailles unterstützt, welcher zwei ganz außerordentlich festlichen Werken die Engelsstimmen verleihen durfte.

Im Mittelpunkt stand die Missa Salisburgensis à 53 voci von Heinrich Ignaz Franz Biber. Vor zwei Jahren hatten beide Collegia sie bereits am Originalplatz aufgeführt (was auf DVD nacherlebt werden kann): Biber hatte das Stück für den 1100. Gründungstag der Salzburger Diözese geschrieben und nicht nur die räumlichen Möglichkeiten des Domes mit seinen Emporen über Längs- und Querschiff berücksichtigt, sondern das mehrchörige Prinzip bis an die Grenzen ausgereizt. Auch wenn die baulichen Voraussetzungen in Dresden ganz andere sind, hatte Václav Luks die Stimmen hier verteilt: während der Chor – mit den Kindern in der Mitte – rechts und links im Altarraum hinter dem Orchester mit Streichern und Basso continuo stand, waren Posaunen und Pauken auf den seitlichen vorderen Emporen platziert, Trompeten und Zinke sowie Blockflöten (!) hinten auf der Orgelempore.

Beide Werke des Abends, der mit Jean-Baptiste Lullys Te Deum (LWV 55) begann, waren ungemein prachtvoll, reichten hin, einen verführerisch barocken Bombast zu entfachen – das war in seiner Fülle beinahe zu viel. Beide Werke übrigens, so unterschiedlich sie sind, weisen vor dem Ende, das auf Hoffnung und Ewigkeit setzt bzw. um Frieden bittet, jeweils eine musikalische »Eintrübung« auf, die tonartlich und im Charakter zur Besinnung gereicht, bevor der Schluß wieder festlich und hoffnungsstrahlend wird.

Deutlich war, daß Václav Luks den Bombast nicht zum Tumult ausarten ließ. So gab es viele Stellen, in denen trotz großem Orchester einzelne zarte Stimmen, ein kleiner Chor oder eben die Blockflöten vernehmbar blieben. Zentrale Botschaften (wie »Pax! / Friede!«) erfuhren wiederum eine besondere musikalische Fokussierung. Beeindruckend war die Pracht, welche vor allem die Blechbläser funkeln ließen – wahrlich berauschend! Doch daß sich Klang aus vielen Farben und Partikeln zusammensetzt, zeigte sich noch bis in den Basso continuo, der mit Cembalo, zwei Lauten, Harfe u. a. nicht eben klein besetzt war. Polyphonie war das Zauberwort (bei meist vorherrschender Doppelchörigkeit der Sänger), das in instrumentalen und vokalen Stimmen seine glänzende Entsprechung fand.

Kaum weniger einnehmend als Bibers Messe war Lullys Te Deum. Václav Luks lotete bereits hier den Raum bis zum letzten Winkel aus und ließ den Nachhall wirken. Vor allem aber konnten sich der Kinderchor (musikalischer und pädagogischer Leiter: Oliver Schneebali) immer wieder als »himmlische Stimme« einbringen und das famose Collegium Vocale ergänzen (bei Biber blieben ihm nur zwei Tutti-Passagen).

Die Solistenrollen waren diesmal kleinere, dennoch konnten gerade die Tenöre Tobias Hunger (im Haute-Contre in Brust- und Kopfstimme) und der samten-lyrische Samir Bouadjadja (auch in Alt-Lage) sowie Baß Tomáš Šelc entzücken. Vor allem aber funkelte wieder einer der wichtigsten musikalischen Bestandteile: die Lebendigkeit.

24. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert der Musikbrücke Prag – Dresden: 14. November 2018: Jan Dismas Zelenka, Missa Sanctissimae Trinitatis

DVD-Tip: Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704, Václav Luks, Solisten, Heinrich Ignaz Franz Biber: Missa Salisburgensis, erschienen bei Naxos

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