Winterträume – nur auf der Bühne

Elblandphilharmonie entführt Zuhörer nach Osten

Nicht nur mit dem Wort »Winterträume« lockte die Elblandphilharmonie am Wochenende nach Meißen und Radebeul – das Programmheft zierte außerdem eine verschneite Winterlandschaft. Solch idyllische Ansichten sind derzeit in der Tat nur ein Traum …

Ganz real, ja »handfest« war, was Ekkehard Klemm und sein Orchester in den Konzerten boten. Wie schön, daß es mittlerweile nur noch weniger Worte zur Person Mieczysław Weinbergs bedarf – der polnisch-jüdische Komponist erlebt fast eine Renaissance und erweist sich als einer der interessantesten Vertreter im Musikleben des 20. Jahrhunderts. Auch wird seinen Werken meist die nötige Aufmerksamkeit zuteil, wie am Sonntag in Radebeul wieder zu erleben war. Die »Rhapsodie über Moldawische Themen« ist ein Erzählstück, das viele Episoden aneinanderreiht, deren Bildhaftigkeit die Elblandphilharmonie mit Vehemenz erweckte. Nach dem sachten Heraufdämmern in Violoncelli, Violen und mit singender Klarinette entsponn sich sogleich ein Reigen, der kammermusikalisch begann, jüdische Melodik aufgriff, doch der Bildersturm wuchs in sinfonische Vergnüglichkeit, ließ Schneeflocken stieben.

Solchen Einfallsreichtum hat Anton Rubinsteins drittes Klavierkonzert leider nicht zu bieten, doch sei gleich gesagt: deshalb gehört es nicht in die »Ecke«. Im Gegenteil war es höchst interessant zu hören, wie Rubinstein das Klavier prägnant heraushob, dominieren ließ (während zur gleichen Zeit Komponisten wie Brahms oder Liszt immer sinfonischer wurden). Solist Ludovico Troncanetti ist mit dem Werk durchaus vertraut, doch gelang es ihm leider nicht, jene Dominanz etwas zu mildern. Oftmals geriet der Klavierpart fast hämmernd, während das Orchester dazu schwieg. Sobald sich dies änderte, etwa ein Dialog mit den Flöten entstand oder sich im zweiten Satz eine melodiös weitschweifige Romanze entwickelte, sorgten flüssige Läufe für einen Hauch Leichtigkeit, zumindest Fluß. Im dritten Satz verbanden sich Virtuosität und lebhafter Wechsel von Solist und Orchester. Der Komponist hatte übrigens Dresden mehrfach besucht, sogar einen Wohnsitz hier, und widmete der Stadt die »Souvenir de Dresde«. Mit einem charmanten Salonstück Rubinsteins verabschiedete sich Ludovico Troncanetti vom Publikum.

Nach der Pause erzählte das Orchester zum Teil da weiter, wo Weinberg bereits für einen »Rahmen« gesorgt hatte. Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 1 »Winterträume« trägt ebenso viele Winterbilder in sich – ein mitreißender Wirbel, kein »Schnee von gestern«. Mit dichten Tremoli sorgten die Streicher für Spannung, Pizzicati gaben dem Werk leichte Tupfer, die Holzbläser noch verstärkten (bzw. erhoben), im Allegro scherzando giocoso wandelte sich das Tremolo, wurde federnd.

Während viele Klangkörper einen hohen Wert auf Transparenz und Schlankheit legen, um Werke »durchhörbar« zu präsentieren, baut Ekkehard Klemm sie oft um einen sinfonischen Kern herum auf, der mit kräftigen Farben und Linien Gehalt verspricht – ohne dabei zu Lasten von Soli oder Duetten zu gehen und diese zu überdecken. Somit entwickelte sich bei Tschaikowsky eine sinfonische Strahlkraft, die im Finale den letzten Schnee schmelzen ließ.

3. Februar 2020, Wolfram Quellmalz

Im nächsten Philharmonischen Konzert der Elblandphilharmonie (Leitung: Johannes Fritzsch) sind Werke Ludwig van Beethovens (2. Leonoren-Ouvertüre, 3. Sinfonie) sowie Dmitri Schostakowitschs (Cellokonzert Nr. 2) zu hören, Solist ist Isang Enders, zwischen 2. bis 9. April fünfmal in der Region sowie am 8. im Konzertsaal der Dresdner Musikhochschule

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