Gedenken und Festtag

Dresdner Bachchor mit Kantatenkonzert am Bußtag

Mit einem Konzert zum Buß- und Bettag setzte der Dresdner Bachchor seine musikalische Arbeit an der Martin-Luther-Kirche der Neustadt fort. Für den Feiertag hatte Kantorin Elke Voigt eine Trauer- und eine Festtagskantate aufs Programm gesetzt. Für ein andächtiges Innehalten und Kontemplation sorgte aber auch die Motette »Komm, Jesu, komm«.

Den besonderen Charakter trugen beide Kantaten schon in der Instrumentierung in sich – die Sinfonietta Dresden hatte dafür zahlreiche Bläserstimmen und Pauken dabei. Schon »Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit« (BWV 106) beginnt mit einer Sonatina, in der Flöten (Uta Schmidt und Luise Ludewig) die Streicher im Choral flankierten und die Gesangsstimmen vorausnahmen. Clemens Heidrich (Baß) setzte in der Arie »Bestelle dein Haus« bereits ein Achtungszeichen – »Haus« meint hier mehr als ein Heim, es steht für eine Lebenseinstellung und Ausrichtung. Die klangvollen Vokale schienen aber weniger mit erhobenem Zeigefinger zu mahnen als Anstoß zu geben – ähnliches war noch in der zweiten Kantate zu vernehmen.

Die Alt-Arie »In deine Hände befehl ich meinen Geist« ist ohnehin ein Höhepunkt in BWV 106, Julia Böhme ließ sie sozusagen nach oben leuchten, während mittlere und tiefere Lagen eine stimmlich sichere Basis blieben.

Der Dresdner Bachchor hatte nur einen Choral vorzutragen, dafür eine ganze Reihe Chöre oder Chorus-Passagen zu gestalten und im Wechsel mit den Solisten zu singen. Gerade diese Wechsel gelangen eindrucks- und wirkungsvoll, während den anspruchsvollen Chören (noch) etwas die Vitalität fehlte.

Zwischen den Kantaten sangen die Solisten (Außerdem Isabel Schicketanz / Sopran und Michael Schaffrath / Tenor) die Motette »Komm, Jesu, komm« (BWV 229), von einer kleinen Continuogruppe der Sinfonietta begleitet, auf der Orgelempore. Das war in Ausgewogenheit und Klang natürlich ein Erlebnis, hätte aber im Altarraum wahrscheinlich noch andachtsvoller gewirkt.

Mit »Ich hatte viel Bekümmernis« (BWV 21) stand eine der eindrucksvollsten und berührendsten Bach-Kantaten auf dem Programm. Ursprünglich (vermutlich) für einen Sonntag nach Trinitatis gedacht, konnte sie durchaus den Festcharakter des Feiertages unterstreichen. (Doch wenn schon, dann bitte konsequent. Nach dem »Amen, Alleluja!« am Ende, das einem Jubelruf entspricht, hätte es keiner langen Andachtspause bedurft.) Mittel- und Höhepunkt darin ist das Zwiegespräch zwischen der Seele und Jesus, das in einem Rezitativduett beginnt und in einer Arie fortgesetzt wird. Wie die zaudernde, Hilfe und Licht suchende Seele (Isabell Schicketanz) hier bat, flehte und suchte und Jesus (Clemens Heidrich) ihr beständig zusprach, sie bestärkte und seiner Liebe versicherte, gehört mit zum Wunderbarsten, was der junge Bach geschrieben hat. Der Choral »Was Gott tut, das ist wohlgetan« kam diesmal nicht vom Chor, sondern von der begleitenden Oboe (Elisabeth Beckert) und wirkte – außer dem Beistand Jesus – wie eine zusätzliche Versicherung für die Seele. Das Duett wurde getragen von bebenden, lyrischen, hingebungsvollen Kantilenen der Sopranistin und einem sicheren (versichernden), gütigen Baß – eine schönere Entsprechung für das Stück hätte man sich kaum wünschen können! Um Blechbläser und Pauken ergänzt sorgte der Schlußchor für ein glückliches Ende.

18. November 2021, Wolfram Quellmalz

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