Heimisch werden in neuer Umgebung

Dresdner Kammerchor mit Adventskonzert im Zentralwerk

Erst im Herbst hatte der Dresdner Kammerchor den neuen Raum gefunden und kennengelernt – auf dem Areal waren früher Näh- und Großschreibmaschinen hergestellt worden, später wurde es Rüstungsbetrieb, die Goehle-Werke stellten hunderte Zwangsarbeiter ein. Nach dem Krieg war hier der Grafische Großbetrieb Völkerfreundschaft untergebracht. Nachdem die Gebäude längere Zeit leerstanden, sorgt der Zentralwerk e. V. nach und nach für einen Wandel zur Kulturfabrik. Der Dresdner Kammerchor kam gestern für sein Adventskonzert zum zweiten Mal hierher.

Hans-Christoph Rademann hatte zur Premiere bereits festgestellt, daß der ehemalige Kultursaal mit seiner Galerie durchaus reizvoll ist und Möglichkeiten der akustischen Erfahrung bietet – zum Adventskonzert wurden diese noch ein wenig mehr ausgelotet. Die Choristen sangen von oben, von vorn auf und vor der Bühne, aber – für das abschließende »Es ist ein Ros entsprungen« im Satz von Michael Praetorius – auch ringsum in Quartette verteilt.

Das Dirigat hatte Konrad Schöbel übernommen, den man zwar aus der Kantaten-Reihe der Musikhochschule kennt (dort oft als Continuospieler), der in diesem Rahmen aber noch nicht aufgetreten war. Ob es daran lag, daß der Eindruck diesmal etwas anders ausfiel? Auch unter den Sängern gab es mehr neue oder andere Namen als sonst, wobei gerade der Dresdner Kammerchor erfahren darin ist, neue Mitglieder zu finden und sich damit aufzufrischen, ohne den Charakter zu verändern. Vielleicht fehlte der sehr genauen, präzisen Interpretation diesmal ein wenig die Seele, die Emotion. Gottfried August Homilius‘ »Sehet, welch eine Liebe« und Heinrich Schütz‘ »Also hat Gott die Welt geliebt« jedenfalls fehlte die Ruhe, die Besinnlichkeit, selbst wenn das Tempo nur um wenige Grade geschwinder war als gewohnt. Manchmal geben Nuancen eben den Ausschlag, auch die direkte Folge von je zwei Stücken – als Paarung an sich sinnig – wirkte doch sehr eilig.

Den Eindruck verschärfte die Lesung zunächst noch. Tom Quaas hatte sich Hans Christian Andersens »Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern« vorgenommen. Sonor klingt der Schauspieler eigentlich immer, artikulieren kann er mühelos, doch gerade dieser tragischen Geschichte fehlte eben diese (Tragik), die innewohnende Kälte war kaum zu spüren, da plauderte Quaas zu charmant. Besser paßte »Die Heilige Nacht« von Selma Lagerlöf, in welcher der Erzählerduktus bereits strukturell vorgegeben ist.

Ein wenig eingewöhnen mußte man sich schon in den spürbar kühlen, dunkler werdenden Raum. Ganz auf die Musik konzentriert gab es dabei aber manches neu zu entdecken, wie den typischen Wandel des Kammerchores. Im vergangenen Jahr hatte er eine Weihnachts-CD »Es ist ein Ros entsprungen« herausgegeben, deren Programm nun aber nicht wieder neu aufgelegt oder wiederholt, sondern ein neues zusammengestellt wurde – incl. »Es ist ein Ros entsprungen«. Mit dem Titel in einem Satz von Jan Sandström hatte das Konzert auch (von oben) begonnen, Thomas Tallis‘ »O nata lux« durfte gleich dreimal erklingen – im Sopransolo, im Duett und schließlich im Chor.

Und so polierte Konrad Schöbel schließlich in gewohnter Kammerchormanier Facette für Facette (oder Diamant für Diamant) heraus. Johann Sebastian Bachs »Ich steh an deiner Krippen hier« (BWV 469) erklang schließlich nacheinander von allen Seiten vom in kleine Vokalquartette aufgeteilten Kammerchor, der aber schließlich doch wieder (ringsum) vereinigt wurde. Und dies noch weiterführte: Nach dem abschließenden Programmpunkt von Praetorius sangen Publikum und Chor noch gemeinsam »Stille Nacht«.

7. Dezember 2022, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert des Dresdner Kammerchores in Dresden: Heinrich Schütz »Weihnachtshistorie« (SWV 469) sowie Werke von Johannes Eccard und Michael Praetorius, 28. Dezember, 19:30 Uhr, Annenkirche

Weihnachts-CD des Dresdner Kammerchores: Michael Praetorius: Chormusik zu Advent und Weihnachten »Es ist ein Ros entsprungen«, weitere Werke von Melchior Vulpius, mit: Isabel Schicketanz (Sopran), Jonathan Mayenschein (Altus), Christopher Renz (Tenor), Martin Schicketanz (Baß), Leitung: Hans-Christoph Rademann, erschienen bei Accentus

http://www.dresdner-kammerchor.de

zentralwerk.de/

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