Sonnenreflexionen

Marmen Quartet in Dippoldiswalde

Die Reihe der Meisterinterpreten lockt seit vielen Jahren Gäste ins Kulturzentrum Parksäle Dippoldiswalde. Das gilt für Musiker wie für neugierige Zuhörer gleichermaßen. Am Sonnabend waren unter den letzteren neben dem Stammpublikum noch ein paar mehr angereist, schließlich hatte sich ein internationales Streichquartett mit drei klassischen Werken angekündigt.

In London ist das Marmen Quartet zu Hause, seine Mitglieder stammen aber aus vier Ländern. Für den Auftritt in Dippoldiswalde hatten sie Werke von Haydn, Beethoven und Mozart – in dieser Reihenfolge – ausgewählt und begannen mit einem der Meilensteine von Joseph Haydn: Opus 76 Nr. 4, dem sogenannten »Sonnenaufgangsquartett«. Siebzehnhundertsiebenundneunzig war Haydn von seinem erfolgreichen London-Besuch zurückgekehrt. Mit 65 Jahren, Mozart und Carl Philipp Emanuel Bach waren gestorben, schrieb »Papa Haydn« eines der wichtigsten, positivsten, hoffnungsvollsten Streichquartette der Geschichte.

Das Marmen Quartet: Johannes Marmen, Laia Valentin Braun, Sinéad O’Halloran und Bryony Gibson-Cornish, Photo: NMB

Nur ein heiterer Grundduktus macht es nicht allein – das Marmen Quartet ließ Haydns Sonnenstrahlen sorgsam aufblitzen, vom beginnenden Glitzern einzelner Töne, die sich – zunächst mit kurzen Bögen in kleinen Reflexen – verdichteten, und schließlich – als dringe die Sonne durch den Morgendunst – kräftig schimmerten. Nach so begonnenem »Tag« (erster Satz) klang Haydns Adagio andächtig nach. Ein einzelner Pizzicato-Ton des Violoncellos (Sinéad O’Halloran) stand als Wendepunkt und Kraftursprung darin, die Primarius-Violine (Johannes Marmen) hatte dazu den Lerchengesang übernommen. Überhaupt schien Sinéad O’Halloran als zweites Zentrum und Konzentrationspunkt des Quartettes, während Laia Valentin Braun (zweite Violine) und Bryony Gibson-Cornish (Viola) die andere Achse bildeten. »Über Kreuz« sitzend (also Violoncello innen, Viola außen) sorgte diese Anordnung für große Spannungen, ohne das Gleichgewicht zu verschieben.

Das wurde auch in Ludwig van Beethovens sechzehntem und letztem Streichquartett (F-Dur) deutlich. Nach seinen harmonisch und in der Struktur teils extremen Entwicklungssprüngen (Opus 130) schien sein Opus 135 zu gewohnten Formvorgaben zurückzukehren. Oder nicht? Die Viola führte das dunkel beginnenden Quartett an, als wolle sie zunächst eine Frage aufwerfen. Die ward alsbald reihum beantwortet – statt eines Neckspiels wie noch bei Haydn entspannen sich nun sauber balancierte Dialogszenen, in denen das Marmen Quartet Bezüge mit klaren Konturen offenbarte.

Das Vivace gestalteten sie nicht im übermütigen Rausch, sondern als pittoreskes Quasi-Scherzo, mit der Feinheit einer Aquarell-Zeichnung, im Lento assai, cantante e tranquillo offenbarte das Marmen Quartet – vielleicht noch schöner – einen Sonnenaufgangsmoment, der einen Rückblick oder Erinnerungsmotive einzuleiten schien. Sorgsam glissandierende Übergänge leiteten über zu einem zärtlichen Einklang, bevor Beethoven im Finalsatz zwischen Grave (dunkle Tragik) und Allegro (Aufhellung und Belebung) eine apotheotische Spannweite erreichte. Auf seine Fragen fand Beethoven Antworten in allen vier Stimmen – kein Schlußpunkt, sondern eine Eröffnung!

Somit überließ es das Marmen Quartet Wolfgang Amadé Mozart, einen Schlußpunkt zu setzen. Das schien nur auf den ersten Blick ungewöhnlich (würde man doch die Reihenfolge Haydn – Mozart – Beethoven nicht nur chronologisch als stimmig hinnehmen), denn das »Dissonanzenquartett«, Joseph Haydn gewidmet und fast 40 Jahre vor Beethovens Opus 135 entstanden, war nicht nur ein gefälliges Schlußstück, sondern wuchs unter den vier Bögen zum dramaturgisch wohlgesetzten Höhepunkt. So rückte das Marmen Quartet Mozarts nicht »über« Beethoven, sondern unterschied beide: während Beethoven auf die Gattung konzentriert, quasi »in ihr« blieb, öffnete Mozart die Formen mit einem AdagioPrélude und ließ hernach opernhafte Züge erkennen, in der Kantabilität ebenso wie in der Ausformung von Crescendi und weiteren Effekten.

Das Marmen Quartet in de Parksälen Dippoldiswalde, Photo: NMB

Die Gestaltungssicherheit des Marmen Quartets war gerade hier überzeugend und erfrischend! Die Feingliedrigkeit, die Mozart in den Ensembleszenen seiner Opern erreicht hatte, zeigte sich ebenso (Andante) wie die tänzerische Leichtigkeit seiner Ballette. Das Menuett wurde noch durch sein spukhaftes Trio bereichert. Mit Maß, ohne Übertreibung, ließen Johannes Marmen, Laia Valentin Braun, Bryony Gibson-Cornish und Sinéad O’Halloran das Allegro molto strömen.

Und was folgt auf Haydn, Beethoven und Mozart als Zugabe? Doch eigentlich Schubert, oder? Doch das Quartett blieb bei seinem ursprünglichen Sonnenbezug und bewies mit einer Eigenbearbeitung (Johannes Marmen) des Liedes »(Somewhere) over the Rainbow« Haydn’schem Witz.

13. April 2026, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert der Meisterinterpreten in den Parksälen: 16. Mai (16:00 Uhr), Freies Ensemble Dresden mit Franz Schubert (Streichquintett C-Dur) und Peter Tschaikowsky (Streichsextett).

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