Eine Lanze für Edward Elgar

London Philharmonic Orchestra und Nicola Benedetti sorgen für eine anregende Annäherung

Den zeitgenössischen Zitaten im Programmheft nach müßte Edward Elgar viel höher geschätzt werden. Fritz Kreisler hielt ihn für den wichtigsten lebenden Komponisten seiner Zeit, die Dirigenten Hans Richter und Arthur Nikisch lobten die erste Sinfonie über den grünen Klee. Nikisch hielt sie gar für ein Meisterwerk, das Beethoven und Brahms folgen werde. Mag sein, daß da eine subjektive Begeisterung mitgeklungen hat, die sich durch die Rezeptionsgeschichte (bisher) nicht bestätigen ließ. Doch der Komponist ist es allemal wert, sein Werk über »Pomp and Circumstances« oder die Enigma-Variationen hinaus kennenzulernen.

Das London Philharmonic Orchestra unternahm mit seinem Chefdirigenten Edward Gardner den Versuch einer Annäherung und präsentierte am Montag und Dienstag gleich zwei Konzerte mit fast ausschließlich Werken des britischen Komponisten. Damit boten die Dresdner Musikfestspiele (DMF) etwas, was sonst nirgend zu erleben ist. Neben dem berühmten Cellokonzert standen unter anderem die beiden vollendeten Sinfonien auf dem Programm

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Nicola Benedetti und das London Philharmonic Orchestra im Dresdner Kulturpalast, Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Oliver Killig

Den Auftakt am Montag gestaltete, bevor am Dienstag Festspielintendant Jan Vogler selbst den Bogen in die Hand nahm, Edward Gardner gemeinsam mit der britischen Geigerin Nicola Benedetti. Elgars Violinkonzert ist nicht so berühmt wie das Cellokonzert, daß durch Jacqueline du Pré seine ungeheure Popularität und Prägung erfuhr, dennoch wird es von vielen höher geschätzt als das Schwesterwerk. Vielleicht ist es weniger auffällig, »komplizierter«?

Es verwöhnte das Publikum im Kulturpalast zunächst mit einem dunklen Klang – auch das gehört bei den DMF dazu: Orchester und ihren Klang kennenlernen. Dem eleganten dunklen Schimmer fügte Nicola Benedetti den noblen Klang ihrer Violine hinzu, die sogleich die Lagen der Viola berührte. Dahin sollte sie noch manche Male »tauchen«. Edward Elgars Kompositionsstil erwies sich schon hier als vielschichtig und differenziert – Edward Gardner hob die samten schimmernde Klarinette erst matt aus dem Orchesterverbund, bevor die Blechbläser fast wild stürmen durften. Insgesamt blieb das Klangbild aber transparent, die Bläser in der geschlossenen Gesamtheit homogen.

So blieb das Ohrenmerk oft auf der Solistin, selbst wenn Elgar der Violine gar keine so übergeordnet extrovertierte Rolle zugeschrieben hat. Vielmehr waren es die Wandel und kantilene Linien, mit denen Benedetti bezauberte. Daß das Publikum nach dem dreiviertelstündigen Parcours noch eine Zugabe forderte, schien die Violinistin zu überraschen, zumindest fragte sie sich (und das Publikum), was man denn auf diesen Elgar folgen lassen könne. Und fand die Antwort in ihrer Heimat mit einem schottischen Lied.

Nach der Pause blieb es differenziert und vielschichtig, in den Dimensionen übertraf Edward Elgars erste Sinfonie sogar noch sein umfangreiches Violinkonzert. Eine knappe Stunde, in der aber eine systematisch-detaillierte Themenverarbeitung nicht im Vordergrund stand, auch keine blockhafte Mächtigkeit. Elgar bringt in seinen Sätzen meist einen Gegenentwurf unter, als Kontrast oder Spiegel, wechselt aus ruhigen, beschwingten Gefilden in aufwühlende, fast martialische und übermächtige Marschklänge. Das scheint beim ersten oder seltenen Hören zunächst unübersichtlich – dieses »Modell« sollte Beethoven oder Brahms folgen? Und doch erwischte man sich dabei, daß auf dem Nachhauseweg ein Thema, das sich erst ostinat im Hintergrund, dann deutlicher präsentiert, ins Gedächtnis eingegraben hat. Also nicht nur Beethoven und Brahms – Elgar hatte auch Mozart oder Schuberts Praxis aufgegriffen.

Der Erlebniswert lag somit vor allem in der durch das Orchester und seinen Dirigenten gebotenen Übersichtlichkeit. Denn die Transparenz machte die Sinfonie nicht leichter oder lockerer, ließ aber Verläufe und Verzweigungen deutlicher hervortreten. Zwar hatte Elgar manche Episode als »kleinen Tumult« dargestellt, was sich schon im ersten Satz offenbarte, doch blieben solche Szenen immer im Verlauf verhaftet. Edward Gardner baute Crescendi ebenso sorgfältig auf, wie sie wieder abklangen, und im brausenden Orchestertutti konnten die Harfen perlend durchscheinen.

26. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

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