Märchenbilder und Zauberklänge

Letztes Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle vor der Sommerpause

Bevor die Spielzeit mit einem Aufführungsabend am Donnerstag und den letzten Opern- und Balletaufführungen endet, bog die Sächsische Staatskapelle am Sonntag in der Semperoper bereits sinfonisch in die Zielgerade. Dabei verabschiedete sich nicht nur Unsuk Chin als Capell-Compositrice, sondern auch drei Orchestermitglieder: KV Annette Thiem (Violine), Andreas Börtitz (Fagott) und KM Jürgen Umbreit (Posaune) gehen mit dem Saisonende in den Ruhestand.

Zunächst stand ihnen aber eine gehörige Unruhe bevor, denn der Zauberlehrling richtet im Übermut oder in der Selbstüberschätzung bekanntlich einen großen Schaden an. Paul Dukas hat Goethes Reime in die Sinfonische Dichtung »Der Zauberlehrling« übersetzt. Dirigentin Elim Chan fand dafür eine klare Bildsprache, deren Episoden zu erschließen fast ununterbrochen leichtfiel. Vorsichtig suchend schaute sich der Zauberlehrling zunächst um, ob die Luft »rein« sei, der Meister ihn nicht stören würde, dann legte er los. Aus sachten Bläsern blitzte das Zauberlehrling-Motiv kurz auf, bevor es frech über die Bühne tobte. Hurtig, lustig ging es zu, die Bläser wurden jedoch bald schärfer, die Streicher durchdringender – schnell wurde die Gefahr bewußt.

Während im Orchester wie Wasserwogen anschwollen, markierten die Schlagwerke die Bedrohlichkeit der Situation – nun war Gefahr im Verzug! Überschäumend formte Elim Chan den Höhepunkt kraftvoll aus, ließ sich mit manchen Einsätzen jedoch Zeit. Die beiden Zäsuren (Wende, Rückkehr des Meisters), musikalisch vielleicht nachvollziehbar, entsprachen nicht recht dem Fluß der eigentlichen Geschichte. Versöhnlich blieb das Ende: die Viola (Sebastian Herberg) klagt bedauernd, das Echo Klarinette schien zu suggerieren, daß ein Nachhall, also Lerneffekt den Zauberlehrling bessern wird.

Elim Chan, Siobhan Stagg und die scheidende Capell-Compositrice Unsuk Chin, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Noch (?) ist uns Johann Wolfgang von Goethe vertraut. Zumindest die Mehrheit des Publikums dürfte seinen »Zauberlehrling« besser kennen als Lewis Carrolls »Alice im Wunderland«, zumal im englischen Originaltext. Insofern ist es nicht nur bedauerlich, sondern ein die Vermittlung hindernder Mißgriff, weder im Programmheft die deutschen Übersetzungstexte für Unsuk Chins »Puzzles and games« abgedruckt zu haben noch sie durch Übertitel einzublenden. Was zu jeder Oper praktiziert wird und im Kulturpalast Standard ist, sollte doch auch im Sinfoniekonzert der Staatskapelle möglich sein! So gebrach es der Suite zu »Alice in wonderland« nach der Oper von Unsuk Chin vor allem an Verständlichkeit und der Möglichkeit, dem Text bzw. Geschehen folgen zu können. Dabei bemühten sich Orchester und die Sopranistin Siobhan Stagg nicht nur redlich, sondern erfolgreich. Die Zauberklänge, welche die Komponistin für ihre Oper gefunden hat, sind ansprechend und fügen sich in die Situation, zudem bleiben sie mit sehr unterschiedlichen Besetzungen und Effekten stets differenziert – klein überwältigendes, hypermodernes Klanggetöse also. Manches, wie das einleitende Alice – Acrostic oder der Abzählreim »Twinkle, twinkle, little star« (Funkel, funkel, kleiner Stern) schlägt Brücken zwischen traditionellen englischen Liedern und fremden Welten. Glissandi verzerren die Welt um die Katze (Cat’s aria), dann beginnt es im Stück zu spuken.

In der Ordnung der Instrumentengruppen behielt dies einen Zaubercharakter, einzig die Verständlichkeit bzw. die Frage, »wo wir den seien« (was gerade passiert) stand dem im Wege. Nicht zuletzt, weil neben den gesungenen Texten auch gesprochene oder Titelzeilen auftauchten, die Programm nicht gedruckt waren – verwirrend!

Siobhan Stagg bewies einerseits mit guter Artikulation Erzählerinnenqualität und ergänzte das Spiel durch Gesten sowie mit einem Gang durchs Orchester (während der mittendrin plazierten Ouvertüre). In einigen Tutti-Passagen war ihre Stimme dennoch zu klein, um noch gehört und verstanden zu werden.

Das gute Ende bzw. Erwachen nach dem Schrecken der ersten beiden Geschichten können Romeo und Julia bekanntlich nicht für sich reklamieren. Elim Chan offenbarte in Auszüge aus Sergej Prokofjews Ballett nach der Pause ein Auf und Ab der Gefühle. Dabei hob sie Reibungspunkte zwischen den Orchestergruppen bis zu Pauken und Trommel ebenso als gestalterische Merkmale hervor, wie einzelne Stimmen (Cellogruppe) personifizierte Rollen oder Soli übernahmen. Schön unter anderem die Soloflöte (Andreas Kießling), die vom Triller der Schwesterflöte eine Pulsverstärkung erhielt. Auch das Saxophon blieb organisch eigebunden; wunderbar dunkel gelang der Dialog zwischen Fagott und Bässen. Wie beim »Zauberlehrling« gab es ein Bedauern, zart am Ende vorgetragen, für Romeo und Julia freilich kam es zu spät.

6. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

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