Lauter Lieblingsstücke

Kreuzorganist Holger Gehring startete in den Orgelsommer

Von wegen Ferien! Der Dresdner Kreuzchor befindet sich noch bis Mitte der Woche auf seiner Sommerkonzertreise, und auch in seinem Zuhause, der Kreuzkirche, klingt es während der Ferien regelmäßig weiter. Die Konzerte des Dresdner Orgelzyklus‘ steigern sich mit Gästen aus entfernten Städten und von großen Kirchen zu den Internationalen Dresdner Orgelwochen, neben den beliebten Reihe Orgel Punkt Drei an jedem Dienstag und Donnerstag ersetzt der Orgelsommer an jedem Sonnabend um 15:00 Uhr die pausierenden Kreuzvespern. Sieben Mal spielen bis Mitte August Gäste aus Berlin, Tübingen, Koblenz, Magdeburg und Gießen das 45-Minuten-Format. Den Auftakt gestaltete wie immer Holger Gehring selbst.

Die Auswahl seiner Stücke folgte diesmal keiner Liturgie oder Einordnung durch den Kirchenkalender, sondern war wohl vor allem eine Einladung an die Besucher und eine Klangprobe aus der Vielfalt der Orgelliteratur. Fast ein wenig bunt schien es, zumindest am Anfang.

Doch mit einer Kombination Praeludium, Largo et Fuga C-Dur von Johann Sebastian Bach (BWV 545 und 529 / 2 für den Mittelsatz) fing der Kreuzorganist die Hörergemeinde sofort ein, egal, ob sie nun neugierige Touristen waren, die das kostenlose Konzert probieren wollten, oder hiergebliebene Dresdner, die (noch) nicht in den Urlaub gefahren sind. Das sehr kurze Praeludium ist ein gutes Beispiel, das fallende Motive nicht immer ein Abwärts, einen Niedergang oder einen Sturz symbolisieren – hier stellte sich eher ein Effekt »Vom Himmel hoch, da komm‘ ich her« ein. Das eingeschobene Largo, schreitend und suchend, hatte eine beruhigende Wirkung, bevor eine der festlichsten Fugen beispielhaft für Bachs architektonische Kunst wurde.

Mit zwei Bearbeitungen, der Aria »Schafe können sicher weiden« aus BWV 208 und dem Air aus der Suite Nr. 3 D-Dur (BWV 1068, beides Orgelbearbeitungen von Stainton de B. Taylor) fügte Holger Gehring Lieblingsstücke des Publikums an, ausgesprochen geschmackvoll in der Anlage, dennoch kam für einen kurzen Moment der Eindruck einer Bach-Hitparade auf.

Den wischten aber zwei Hits oder Stücke ganz anderer Art beiseite: Edward Elgar ist vor allem für seine Enigma-Variationen und die Pomp and Circumstance Marches berühmt. Neben diesen Inseln gibt es im Gesamtschaffen des Komponisten weit mehr zu entdecken, manches kann man aber auch vertiefen, wie die Märsche. Den Imperial March Opus 32 hat George C. Martin auf die Orgel übertragen, A. Herbert Brewer besorgte dasselbe beim Chanson de Matin Opus 15 Nr. 2. Während der Imperial March effektvoll über Crescendo und Decrescendo ausgesprochen unterhaltsam ausfiel, erklang das Morgenlied sanfter mit vielen Flötenklängen.

Große französische Orgelschule: Henri Constant Gabriel Pierné (um 1900) und Alexandre Guilmant (1907 in Barcelona), zeitgenössische Photographien, Bildquelle: Wikimedia commons

Damit war die praktische Klangexkursion jedoch noch längst nicht beendet, denn nun bekamen die Orgelgourmets, denen Elgar vielleicht zu populär schien, die hohe französische Schule serviert. Zunächst mit dem Prélude Opus 29 Nr. 1 von Gabriel Pierné, das nicht nur eine funkelnde, springende Flut auslöste, sondern in auf- und abschwellende Wogen einbettet war. Im Finale schien das Thema noch zu wachsen, als es Holger Gehring eindrucksvoll auftürmte. Noch einmal durfte Pierné nachlegen: Die Cantilène Opus 29 Nr. 2 geriet am Anfang ausgesprochen dunkel, ließ aber die kantable Solostimme über dem Baß melodisch klingen, so daß es einer Träumerei nahekam.

Man könnte eine Dreiviertelstunde ja für knapp halten, zumindest, um einen Überblick oder Einblick zu gewähren. Zwar kann man nicht alle Werke ganz präsentieren, aber die Schnupperstücke oder Gourmethäppchen von Holger Gehring beeindruckten dann doch, denn für das Ende hatte er ein echtes Finale ausgewählt, jenes aus der Première Sonate Opus 42 von Alexandre Guilmant. Hatte Pierné mit den wäßrigen Elementen gespielt, so tat es Guilmant mit den lichten und luftigen – wie Sonnenstrahlen, die durch die Kreuzkirche kreiselten, purzelten und wirbelten, schien dieser Sonatensatz, der sich wie eine Toccata steigerte und in einen apotheotischen Schluß führte.

5. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

Kommenden Sonnabend, 15:00 Uhr, spielt Christian-Markus Raiser (Karlsruhe) im Orgelsommer Werke von Johann Sebastian Bach, Christian Heinrich Rinck, Antonín Dvořák, Olivier Messiaen, Louis Vierne und Christian-Markus Raiser.

Hinterlasse einen Kommentar