Dresdner Kreuzchor zu Pfingsten wieder in der »Serenade im Grünen«
Daß der Dresdner Kreuzchor zu Weihnachten und Ostern die meisten und wichtigsten Einsätze hat, ist selbstverständlich, doch zu Pfingsten ist es nicht viel anders. Während die Vespertermine zu den übrigen Sonntagen des Kirchenjahres in jedem Schuljahr variieren, gehört der Sonnabend vor Pfingsten stets ins Programm. Damit ist Wilfried Krätzschmars Introitus für Pfingsten gleichzeitig der bereits etablierteste unter den Neukompositionen für den Kreuzchor, da er in jedem Jahr aufgeführt wird. Zur Tradition des Pfingstwochenendes gehört aber auch das Kurrendesingen der Kruzianer nach der Vesper sowie die Serenade im Grünen im Pillnitzer Schloßpark, wozu das Repertoire sich jeweils um weltliche und unterhaltende Titel erweitert – ein verhältnismäßig hoher Aufwand für die zwei Tage!
Eine andere »Tradition« im Rahmen der zu den Dresdner Musikfestspielen gehörenden Serenade ist, daß das strahlende Pfingstwetter am Sonntagnachmittag unentschieden wird und gern mit schwarzen Gewitterwolken droht. Zuletzt mußte das Publikum manchmal Stand-, Sitz- und Wasserfestigkeit beweisen, oder Risikofreude, um bis zum Abbruch auszuharren. In diesem Jahr brach das Wetter sozusagen mit den Gepflogenheiten und spendierte dem Kreuzchor und seinem Kantor Martin Lehmann ungetrübtes Pfingstwetter.
Der Chor lohnte es und bot dem zahlreichen Publikum ein umfangreiches und gewitztes Programm, in das wieder teilweise die Nachwuchssänger der Vorbereitungsklasse eingebunden waren. Ebenfalls anders als zuletzt, als das Jahresmotto dezidiert in den Programmmittelpunkt genommen wurde (»Wasser«, »im Wandel«), stand das aktuelle »verbunden« nicht im Titel, sondern erwies sich ohne besonderen Fingerzeig als eine Selbstverständlichkeit für den Kreuzchor. Verbunden waren hier nicht nur die verschiedenen Mehrstimmigkeiten der Werke, sondern die Variabilität des Kreuzchores als Gesamtchor, mit Nachwuchssängern oder nur mit Männerstimmen. Auch die Extraeinlage der Abiturienten in der Programmmitte ist ein fester Bestandteil der Serenade im Grünen.
Mit Friedrich Silchers »Hab oft im Kreise der Lieben« nahmen die Kruzianer einen aus der Tradition des Singens geborenen Anfang, der gut zu den überwiegend romantischen Titeln des Hauptprogramme paßte, danach bogen sie aber in die Popmusik: »Caravan of Love« ist selbst bereits ein Klassiker und war vielleicht eine Reminiszenz an die Elterngeneration, das frech-witzige »Nur für dich« von Wise Guys konnte den Publikumserfolg noch überbieten.
Die Ungezwungenheit zeigte, wie locker Kruzianer sein können, trotzdem blieben sie ihrem Standard in der Qualität treu, obwohl die unbalancierte und unter den hin und wieder auftretenden Windböen leidende Verstärkung diesmal gegen den originalen Knabenchorklang stand. Witz gab es noch mit Reinhard Meys »Diplomatenjagd« – 1967 war es eine bitteröse Satire, wohl nicht nur auf den damaligen Außenminister und passionierten Jäger Walter Scheel gemünzt. Am Sonntag durfte man über die übertriebene »Jagd« (mit eingeschlossenem Jägerchor aus dem »Freischütz«), deren Titel allzu wörtlich genommen ward, herzlich lachen!
Mey hatte, wie »Im schönsten Wiesengrunde«, bereits am Vortag zum Programm der Kurrende gehört. Natürlich lassen es sich Kruzianer nicht nehmen, das Volkslied in ihrer Weise darzubieten, will heißen: im Satz des legendären Kreuzkantors Rudolf Mauersberger. Gleichzeitig hatte das Lied eine Brückenfunktion, denn Volkslieder und romantisches Liedgut machten den wesentlichen Teil der Serenade aus. Neben Johannes Brahms‘ »All meine Herzgedanken« prägten vor allem Carl Maria von Webers teils sehr kunstvolle Lieder das Programm – Romantik in Höchstform und mit Feinsinn, ganz ohne Kitsch! Das »Wanderlied« (aus der Schauspielmusik »Preciosa«) und der »Jägerchor« in A-cappella-Fassung, vor allem »Heiße stille Liebe« erfreuten das Herz der Lieder- wie der Weberfreunde – im 200. Gedenkjahr des Komponisten hat manches Opernhaus nicht einmal den »Freischütz« im Programm!
Romantische Anteile im Konzert des Kreuzchores waren Antonín Dvořáks »Birke am grünen Bergeshang« und Friedrich Silchers »Loreley«, wunderbar vorgetragen vom Männerchor der Kruzianer, sowie Dvořák »Hörst du des Haines Abendgeläute«. Nicht nur Tages, auch Jahreszeiten berücksichtigt der Kreuzchor in seinen Programmen, wie mit »Summertime« von George Gershwin. Die eigene Tradition kam mit der »Bitte« von Rudolf Mauersberger noch einmal zu Gehör.
25. Mai 2026, Wolfram Quellmalz