Sächsische Staatskapelle und Patrick Hahn bereiten dem Publikum pures Vergnügen
Klar, an das Format »pur!« müssen sich herkömmliche Konzertbesucher und Kritiker gewöhnen oder es mögen lernen – Puristen wenden sich mit Grausen, wenn einzelne Sätze aus Brahms‘ Sinfonien gespielt oder gar Vorspiele Richard Wagners gekürzt werden. Doch wenn man es richtig anpackt, wird dem Publikum jener »Schmäh« serviert, den die Ankündigung am Dienstag im Kulturpalast versprach.
Das lag nicht wenig an den beiden Gästen Patrick Hahn und Christoph Wagner-Trenkwitz, aber vor allem am fließenden Zusammenspiel der beiden mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Mehr als nur »willig« haben sie offenbar Geschmack aneinander gefunden. Patrick Hahn im letzten Jahr mit der Premiere von Richard Strauss‘ »Intermezzo« (Wiederaufnahme kommende Woche) und einem Georg-Kreisler-Abend auf Semper Zwei (eine Wiederholung gab es am Sonnabend), Christoph Wagner-Trenkwitz bezeichnete das Orchester als seine »Lieblingskapelle«, um gleich noch Kammersänger René Pape, den er freilich aus Wien kenne, im Publikum zu begrüßen. Solche Brücken schlug der Wiener Dramaturg und Musikwissenschaftler aber nicht nur geographisch und zwischen Personen, sondern gleichermaßen »zwischen den Zeiten«.

Denn diese (Zeiten) ändern sich. Nicht nur stammte die gebotene Musik aus unterschiedlichen Vergangenheitsstufen (jüngste war Georg Kreislers Chanson »Der Musikkritiker«), auch die Ansichten hatten sich im doppelten Sinn gewandelt. Manches bös spottende, das Christoph Wagner-Trenkwitz vortrug, war eine Jugendsünde (Richard Strauss über Richard Wagner) und der Urheber hatte seine Meinung später revidiert, oder man mußte feststellen, daß die Kritik früher nicht nur »böser« gewesen ist, sondern die Zeiten einfach andere waren. Insofern tat es gut, daß Wagner-Trenkwitz nicht nur vergangene Polemik vortrug, sondern durch Auswahl und Überleitung für eine Einordnung sorgte – Kritik war (und ist) ebenso wandelbar wie die Schreibweise des Namens Strauß / Strauss in der Wiener Familie der Walzerkomponisten. Und der Kritiker von heute konnte sich über Kreislers Chanson herzlich freuen, da es vom Dirigenten arrangiert und mit ihm am Klavier so schmissig dargeboten wurde.

Kaum weniger herzlich durfte sich das Publikum freuen, denn es bekam nicht nur den erhofften Schmäh und Gaudi serviert, dem mit dem Wiener Gast jedes peinliche Lokalkolorit abging, es durfte zum Einsteigerpreis auch an allem »schnuppern«, was mit Wien verbunden ist: von Richard Wagners Vorspiel zum Dritten Aufzug und »Waldweben« aus »Siegfried« über Ludwig van Beethovens Fidelio-Ouvertüre bis zum vierten Satz der vierten Sinfonie von Johannes Brahms. Spätestens hier spürte der Kritiker wenigstens vorübergehend den Schmerz der Auslassung, den Patrick Hahn und Christoph Wagner-Trenkwitz aber flugs überspielten. Für viele im Publikum war es vielleicht der Anreiz, genau dieser Vollständigkeit einmal nachzugehen (Kritikerempfehlung: für den Neueinsteiger zuerst Brahms‘ Sinfonie, dann erst Wagners »Ring«). Denn genau da liegt ja die Idee der »pur!«-Konzerte: in einem großartigen Konzertsaal verschiedene kleine Appetitanreger zu servieren.
Mit einem kleinen Schlagabtausch begannen Christoph Wagner-Trenkwitz und Patrick Hahn den Abend, denn was hieß denn da eigentlich »Wien«? Mozart, Haydn, Brahms und Bruckner – keiner von denen war in Wien geboren!

Neben allem Schmäh kam die Musik nicht zu kurz, denn die Staatskapelle nahm die Sache ernst, ließ in Brahms‘ harmonischer Fülle ihren fabelhaften Klang aufwallen, spann bei Anton Weberns »Zukunftsmusik« (Passacaglia Opus 1) zauberhaft luzide Verflechtungen der Bläser und Streicher und stellte eine Verbindung der verschiedenen »Sträuße« und Walzer her: Richard Strauss hatte sich in »Der Rosenkavalier« (Erste Walzerfolge mit Extraapplaus für die Solo-Trompete / Helmut Fuchs) bei Josef Strauß‘ »Dynamidenwalzer« Anleihen genommen.
Wie Patrick Hahn als begabter Entertainer diese Welten mit der Kapelle offenbarte, konnte manches Herz entfachen und hatte insofern viel Zugewinnpotential für Orchester und Musik. So durfte auch Gustav Mahlers »Blumine«, manchmal als belanglos abgetan, geschmackvoll aufblühen und Erich Wolfgang Korngolds »Straussiana« (1953) herzlich der Frage aus dem Weg gehen, ob dies nun noch »Tradition« oder schon »Nostalgie« sei – einerlei! Mit Josef Strauß‘ »Ohne Sorgen« verabschiedeten sich Dirigent und Orchester leichten Herzens, aber nicht leichtfertig, bis zu den nächsten Malen.
15. April 2026, Wolfram Quellmalz
Nächster Auftritt von Patrick Hahn: Wiederaufnahme »Intermezzo«, 23. April, Semperoper, bereits am 20. September heißt es mit dem Capell-Virtuosen und -Compositeur 2026 / 27 Jörg Widmann »Romantik pur!«