Frauenkirchenorganist Niklas Jahn im Dresdner Orgelzyklus
Seit der Osternacht klingt die große Jehmlich-Orgel wieder in der Dresdner Kreuzkirche, nachdem sie grundlegend gereinigt, renoviert und repariert worden ist. Sie soll mehr Volumen haben, vor allem im Bereich der Bässe. Freilich ist dies kein Unterschied, den man zwangsläufig und unmittelbar hört, hängt das doch vom jeweiligen Stück und Spieler ab.
Frauenkirchenorganist Niklas Jahn meinte am Mittwoch im Gespräch vor dem Konzert in bezug auf die größte Orgel der Stadt, daß dies, zum Beispiel wegen der größeren Anzahl der Register, mehr Vorbereitungsaufwand bedeute. Etwa, was man kombinieren könne. Wie meist hat der Spieler am ins Instrument gebauten Spieltisch einen deutlich anderen Eindruck als die Besucher des Konzerts. Gerade Schwell- und Kronwerk höre er von seinem Platz aus praktisch nicht. Er habe daher in der Vorbereitung sein Handy auf eine der Sitzbänke unten gelegt, um den Klang mitzuschneiden und einen »echten« Eindruck zu gewinnen.

Spannend ist immer, wenn Organisten liturgisches Spiel und Konzert zu kombinieren wissen, weil sie dann mit Werken, die selbst Orgelfreunde selten geboten bekommen, für neue Höreindrücke sorgen können. In diesem Sinne hatte bereits Wolfgang Skorupa am Vortag im Schnupperformat »Orgel Punkt drei« Werke von Samuel Scheidt, Henry Purcell und Bertold Hummel zum Thema des Osterwunders ausgewählt.
Auch Niklas Jahn hatte sein Konzert »Christ ist erstanden« überschrieben und kam in drei Zeitaltern der Orgelmusik (Bach, Gegenwart, Hochromantik) mehrfach auf Osterthemen und -hymnen zurück.
Das Attribut des »jugendlichen Elans« hatte Niklas Jahn nach seinem Amtsantritt mit gerade 28 Jahren schnell von anderen »verpaßt« bekommen. So ganz wollte er sich den »Schuh« nicht anziehen, gab im Vorgespräch aber zu, daß eine höhere Risikobereitschaft im Spiel dennoch dazugehöre. Andererseits forderten Werke wir von Thierry Escaich oder Charles Tournemire mit ihren waghalsigen Tempoangaben dies geradezu heraus.
Bei Johann Sebastian Bachs Phantasie und Fuge in g-Moll (BWV 542) spürte man das (vielleicht) jugendliche Draufgängertum aber ebenso. Niklas Jahn setzte die wiedererstarkte Strahlkraft der Jehmlich-Orgel in Szene – die Phantasie genoß dieselbe fast im Übermaß mit teils harten Kontrasten, soweit sie nicht bewußt weicher gezeichnet waren. Da schien diesmal die Fuge überraschenderweise luftiger. In Bachs Choralbearbeitung »Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr‘« (BWV 662) trat dann sie Singstimme und mit ihr das Thema vor der schimmernden Begleitung in den Vordergrund.
Mit zwei zeitgenössischen Werken bereitete Niklas Jahn seinen Zuhörern sozusagen ein (fast) unerhörtes Vergnügen. Denn die Werke von Thierry Escaich, eines der vier Titularorganisten von Notre-Dame de Paris, gehören in Dresden schon länger zu den gern gespielten und gehörten. Cinq versets sur le »Victimae paschali« konnten erneut mit ihren Klangeindrücken, hüpfenden Stakkati und einem stimmlichen Glanz, begeistern. Feingliedriger werdend schienen sie zunächst Luft-oder Wasserfiguren abzubilden, bevor das Werk den österlichen Hymnus aufnahm.
Die dynamischen Verläufe hatte Niklas Jahn dabei sorgsam herausgestellt, in seiner eigenen Improvisation, die er als Symphonische Variationen im französisch-impressionistischen Stilzum Gemeindelied »Christ ist erstanden« (EG 99) anlegte, wurden diese noch deutlicher. Neben Crescendo und Decrescendo (Variation 3) hob er ebenso die Oberstimme bzw. Oberstimmen mit dem Liedthema eindrucksvoll hervor. Gleichzeitig wurden verschiedene Register von der Flöte bis zur Trompete / Cornett solistisch vorgespielt – eine kleine Orgelvorführung, die auch rhythmisch überzeugte und bis in jazzige Gefilde auslief.
Max Regers Melodia B-Dur (Opus 129 Nr. 4) schien im Vergleich geradezu schlicht und wurde sogleich noch einmal überboten: Maurice Duruflé hatte Charles Tournemires Improvisation über »Victimae paschali laudes« (dasselbe Thema wie Escaich) aufgezeichnet. Darin fanden sich frohe Farben, die sich über Terrassenstufen (trotz der vorgeschriebenen Tempi ohne »Überschlag«), auf denen die Musik verweilt, geradezu triumphale Fanfarenmotive entwickeln, die dennoch in ein Choralthema münden.
16. April 2026, Wolfram Quellmalz
In der kommenden Woche spielt Thomasorganist Johannes Lang zum Thema »Christ ist erstanden« in der Dresdner Frauenkirche, danach (29. April) besinnt sich Xaver Schult (Berlin) in der Hofkirche auf das Thema »Wasser«. Am 6. Mai ist Kreuzorganist Holger Gehring wieder an seinem Instrument in der Kreuzkirche zu erleben.