Dresdner Barockorchester bot in Loschwitz Kostproben aus der Sammlung der Hofkapelle
Der Mondkalender rät, wenn der Mond zum Beispiel im Stier steht, Rationalität walten zu lassen und lange nicht getragenes aus dem Kleiderschrank auszusortieren, bevor man sich neues anschafft. Doch selbst ein theoretisch mögliches Geschlechterungleichgewicht in der Belegung von Schrankfächern durch Kleider, Hemden und Anzüge wird durch das, was einst im »Schranck No. II« der Dresdner Hofkapelle bewahrt wurde, in den Schatten gestellt – wie gut, daß hier niemand an einem Stier-Tag für »Ordnung« gesorgt hat!
Denn die Création musicale von Bononcini, Händel, Anonymus und Co. gehören in keine Altkleidersammlung und werden gottlob auch nicht museal in der Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden verwahrt, sondern immer wieder höchst lebendig präsentiert. Dabei erfährt das Publikum meist neue Funde und selten Wiederholungen.
Am Freitag öffneten der Dresdner Hofmusik e. V. und das Dresdner Barockorchester im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele wieder einmal das Schatzkästchen »Schranck No. II« und hoben ein paar Kostbarkeiten. Weil die Instrumente diesmal in Summe 444 gestrichene, gezupfte oder geschlagene Saiten aufwiesen (Margret Baumgartl hatte nachzählen lassen), hieß das Programm SAITwärts, was aber die charmanten Töne einer Traversflöte (Julie Braná) und Oboe (Guido Titze) einschloß.
Giovanni Bononcinis Sinfonia g-Moll begann noch in erdverbundener Tiefe, die Violoncello (Olaf Reimers) und Kontrabaß (Ondřej Štajnochr) klingend ausloteten, bevor sich über das Lentamente bis zum Presto eine Munterkeit erst fröhlich, dann beschwingt entfaltete.
Für Georg Friedrich Händels Concerto für Harfe, Streicher und Basso continuo B-Dur (Opus 4 Nr. 6, HWV 294), das der Komponist später noch zum Orgelkonzert umgearbeitet wurde, trat Johanna Seitz aus dem Basso continuo, wofür sie eine zweite Harfe für den Einsatz als konzertierenden Solistin mitgebracht hatte. Mit Julie Braná fiel sie in einen ausgewogenen Dialog des im Vergleich zu Bononcini deutlich luftigeren Werks – die Stimmungsbilder, Tonarten und Charaktere sollten den Abend über so vielfältig bleiben, wie es die Besetzungen waren. Händel taugte insofern ein Gradmesser, weil es sich dabei um das bekannteste Werk handelte.
Doch die Entdeckung liegt oft im ungekannten, wenig geahnten – den Königlich-polnischen und kurfürstlich-sächsischen Kapellmeister Johann David Heinichen kennt man vor allem als Violinvirtuosen, wegen seines Einflusses auf die Qualität der Kapelle und einer ganzen Reihe von Werken für Violine oder Oboe sowie Concerti grossi und Triosonaten. Doch der Fundus des Schrank Nr. II birgt auch ein Konzert für Querflöte, Oboe, Theorbe, Violine, Streicher und Basso continuo D-Dur (Seibel 226). Mit Julie Braná, Guido Titze, Michael Dücker und Konzertmeisterin Margret Baumgartl als variabler Quartettgesellschaft entfaltete sich darin nach kleiner Sinfonia-Einleitung ein wechselnder Dialog zwischen allen Beteiligten, der noch den Basso continuo einbezog, wenn dieser etwa mit der Laute auf die Stimmen von Oboe und Flöte antwortete. Die Bläser standen ein wenig mehr im Mittelpunkt, die Konzertmeisterin folgte aber stets dichtauf. Vor allem blieb der lebendige Verbund mit rhythmischen Elementen wie Wippfiguren gewahrt.
Nach dem solistischen Kleeblatt gab es ein – für unsere Ohren – fast exotisches Soloinstrument. Die Mandoline ist zwar in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen, trotzdem aber in der Alten Musik wenig präsent. Maja Schütze studiert sie derzeit intensiv und war schon in verschiedenen Auftritten zu erleben. Im Konzert für Mandoline, Streicher und Basso continuo G-Dur von Johann Adolph Hasse bewies sie, daß Klangsinn auf der Mandoline auch in langsamerer Gangart und melodisch ausgeformt möglich ist – viele Interpreten wählen fast hektisch oder zitternd wirkende, stark pulsierende Interpretationen.

Wer meinte, nun sei das Maß der musikalischen Kombinatorik erschöpft, den überraschte ein weiterer Griff in Schranck No. II. Das Dresdner Barockorchester zog Georg Philipp Telemanns Konzert für Querflöte, Oboe d’amore, Viola d’amore, Streicher und Basso continuo E-Dur (TWV 53:E1) hervor, in dem Felicia Graf die vorigen Solisten im Trio ergänzte. Sogleich fand sich eine neue Balance, denn die Viola d’amore hat einen samtenen, leiseren Klang, an den sich Julie Braná und Guido Titze anglichen. So stellte sich im Andante eine Erhabenheit ein wie in Händels Coronation Anthems – fast hätte man auf den einsetzenden Chor gewartet! Die Geschmeidigkeit der Bläser sorgte statt dessen mit der kantablen Viola für den wohl elegantesten Eindruck des Abends.
Das Dresdner Barockorchester bedankte sich mit einer Hornpipe Georg Philipp Telemanns (Suite a-Moll, TWV 55:a3) für den Applaus.
30. Mai 2026, Wolfram Quellmalz
Im Rahmen des Loschwitzer Musiksommers gibt es an den kommenden Freitagabenden zahlreiche Vespern und Konzerte. Nächster Termin: Musikalischer Wochenausklange mit Margret Baumgartl und Lothar Haas (beide Viola), 5. Juni, 18:00 Uhr