Auseinandersetzungen in der Sommerfrische

Veronika Eberle und José Gallardo bei den Dresdner Musikfestspielen

Gerade wenn sich unterschiedliche, voneinander unabhängige Faktoren verdichten, kann dies eine Bereicherung sein oder das Erlebnis überhöhen – das Konzert im Palais im Großen Garten im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele gehörte sicher dazu. Denn an diesem für Kammermusik wunderbaren Ort trafen sich nicht nur zwei Ausnahmekünstler, auch das Wetter war mit sommerlicher Leichtigkeit, aber ohne die drückende Hitze der Vortage, auf Seiten der Sinngenüsse.

Mit Veronika Eberle begegnete am Sonntagmorgen eine Violinistin der Extraklasse einem Pianisten, der ihr in nichts nachstand. Dennoch ist José Gallardo bei weitem nicht so bekannt, denn man erlebt ihn kaum mit Klavierabenden oder in Konzerten mit Sinfonieorchestern, vielmehr konzentriert er sich fast ausschließlich auf Kammermusik.

In solcher Partnerschaft gingen beide Musiker an einen Ursprungsort zurück, als sich Violine und Klavier noch in den Rollen der Melodie- und Begleitinstrumente abwechselten, weshalb Wolfgang Amadé Mozarts Sonate F-Dur, KV 377, die Instrumente noch in der Reihenfolge für Klavier und Violine benennt (statt des später üblichen »Violinsonate«). Mit diesem Stück, quasi einer Frühlingssonate Mozarts, gelang Veronika Eberle und José Gallardo nicht nur ein erfrischender Auftakt, sondern eine muntere Unterhaltung, die teilweise einem kleinen Schlagabtausch glich – weil Mozart die Schülerin, für die er das Werk schrieb, zwar als Musikerin schätzte, sie sonst aber eher abschätzig sah? Eher nicht, zu aufgeweckt tauschten sich die Motive aus, neckten einander. In den Variationen wurden nicht nur mannigfaltige Gefühle, sondern auch Grade der Steigerung spürbar – auf eine fast derbe Variation folgte die Entspannung, erst zärtlich, dann nachdenklich. Rein musikalisch natürlich – man hüte sich, anhand der Dokumentationslage von Briefen oder Tagebucheinträgen zu viel zwischenmenschliche Beziehungen in musikalische Werke zu legen! Im heiteren Frohsinn klang das Tempo di minuetto aus, José Gallardo führte nicht auf Teufel-komm-raus, sondern ließ die Kraft einer Andacht in der Stimme wirken.

Mit der ersten Sonate für Violine und Klavier von Robert Schumann (a-Moll, Opus 105) lagen Deutungen und Vermutungen über die beteiligten Personen noch ein Stückchen näher und heftiger, denn Schumanns Werk markiert einen besonders intensiven Gipfel der romantischen Literatur. Veronika Eberle und José Gallardo ließen eine glühende Verbundenheit in den Stimmen der sich umschlingenden Linien spürbar werden, die durch aufstrebende Motive noch gesteigert wurden. So viel Leidenschaft braucht nicht künstlich gebremst zu werden – das Allegretto geriet als Intermezzo wie ein entspanntes, undramatisches, aber gehaltvolles Zwiegespräch. An das sich aber ein Disput anzuschließen schien, doch kein offener Streit, sondern eine gegenseitige Anregung, die freilich wieder in ein intimes Miteinander führt.

Pierre-Auguste Renoir »Ein Garten in Montmartre« (Ölfarbe auf Leinwand, 46 x 55 cm, 1890-1899), Ashmolean Museum, University of Oxford, Bildquelle: Wikimedia commons

Nach solchen emotionalen Bergfahrten (Täler waren kaum auszumachen) kam die Pause gerade recht. Antonín Dvořáks vier Romantische Stücke für Violine und Klavier (Opus 75) brachen den Kreis danach sozusagen auf – auf die dichte, konsequente und folgerichtige Bezogenheit der Sonaten folgten erzählerisch fast solitäre Einzelstücke. Drei Allegro-Episoden, zunächst ein wenig argumentierend wie Schumann (moderato), dann aber (maestoso) in beherzter, böhmischer Manier. Ein wenig grollend war dieses Böhmische vielleicht, mit einer Schattenphase, insgesamt aber sonnig. Veronika Eberle und José Gallardo wußten nonchalante die Leichtigkeit eines Pastellstriches binnen kurzem in eine vollkommen andere Stimmungslage zu versetzen oder im eleganten Fluß sorgsame Betonungszeichen einzufügen, ohne sie zu überhöhen. In diesem Sinne gelang auch das dritte Allegro (appassionato) im lyrischen Ton, dessen luftiger Abschluß auf Mendelssohn vorauszuweisen schien. Zunächst endete Dvořák aber nachdenklich – sein Larghetto erinnerte mit Andante-Abschnitten an den grüblerischen Komponistenfreund Brahms.

Das hymnische Motiv aus Felix Mendelssohns Sonate für Violine und Klavier F-Dur war schon am Ende der Pause durch den Saal geschwirrt, als sich Veronika Eberle hinter dem Vorhang einspielte. Nun durfte es nach draußen schlüpfen und durch den Raum fliegen. Immer wieder steigerten es die beiden Spieler, bis es ganz oben gegen eine imaginäre Freudendecke perlte. Im finalen Allegro vivace trat zur Freude noch eine spielerische Vehemenz.

Solch beflügelnde Klänge sollten erhalten bleiben – als Abschluß und Zugabe spendierten die beiden Musiker die Bearbeitung eines Liedes ohne Worte von Fritz Kreisler.

31. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

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