Semperoper bringt als letzte große Saisonpremiere »Der Florentiner Hut« auf die Bühne
An der Oper Graz hatte die heutige Semperopernintendantin Nora Schmid die heitere Oper »Der Florentiner Hut« von Nino Rota bereits erfolgreich in den Spielplan gehoben, am Sonntag feierte die Koproduktion an der Semperoper Premiere – es war gleichzeitig die erste Aufführung des Stücks am Haus überhaupt.

Bei Nino Rota denken die meisten an seine zahlreiche Filmmusiken – jene zu »La strada« und »La dolce vita« stehen ebenso gewichtig in seiner Liste seiner Kompositionen wie »Der Pate« oder Agatha Christis Verfilmung von »Tod auf dem Nil« mit Peter Ustinov. Darüber hinaus hat Rota ebenso die Musik für Literaturverfilmungen wie »Romeo und Julia« geschrieben. Schaut man in den Katalog der klassischen Titel, finden sich dort neben Streichquartetten und Cellokonzerten auch Ballette und Opern. Trotzdem ist der Komponist eher selten im klassischen Konzert zu erleben. Immerhin war in den letzten Jahren sein Divertimento concertante für Kontrabaß und Orchester (sogar in Dresden und Radebeul), das Concerto per archi (in Moritzbirg) oder das Klarinettentrio (auf Schloß Albrechtsberg) zu hören. Doch Ballette, Opern? Jetzt rückt die Semperoper diesen Eindruck mit der Dresdner Erstaufführung von »Der Florentiner Hut« gerade.

Und diesmal paßt einfach alles. Dem Eindruck der Szenenbilder, den man vorab zu sehen bekam, wird Bernd Mottls Inszenierung in jeder Hinsicht gerecht, nicht nur in der phantasievollen Ausstattung von Friedrich Eggert (Bühne & Licht) und Alfred Mayerhofer (Kostüme). Alles ist schwarz-weiß, nur die zwei weiblichen Hauptrollen haben rote Haare – hatten wir das nicht erst kürzlich in einer anderen Premiere? Doch jetzt ist es anders, viel heller, turbulenter, luftiger. Die Ausstattung mag einem Farbschema unterworfen sein, das Stück wirkt um so flotter und bunter. Das liegt nicht allein an den Farben, sondern an punktgenauen Abläufen. Dazu wird revuemäßig getanzt, wie am Beginn mit einem Ballett in Nachthemden. Jede noch so kleine Geste ist auf die Worte abgestimmt, die beständig purzeln – schon dieser reibungslose Eindruck verdient einen Extraapplaus!

Das Stück ist im Grunde eine alberne Komödie à la »Frühstück bei Tiffany« oder »Der Himmel auf Erden«: ein Liebespaar (Anaide und Emilio) versteckt sich im Gebüsch eines Hauses, in dem gerade eine Hochzeit vorbereitet wird. Leider frißt das Pferd des Hausherrn (Fadinard) den Strohhut der Dame, womit diese aufzufliegen droht, denn sie war mit dem Liebhaber zugange, der Ehemann (Beaupertuis) darf nichts erfahren! Die Wiederbeschaffung des Hutes zögert nicht nur den Ehevollzug zwischen Fadinard und Elena heraus – ein hadernder Onkel (Vézinet) und ein Verdacht schöpfender Schwiegervater (Nonancourt) mißverstehen immer genau dann, wenn man es nicht braucht, eine Situation, was es auch nicht einfacher macht – nur Woody Allen hätte es wohl noch komplizierter erzählen können!

Was eine altbackene Fünfzigerjahreklamotte sein könnte, haben Bernd Mottl und sein Team in eine immer gültige Zeit übertragen und frisch aufgetischt. Sie vertrauen nicht allein auf schmucke Verpackungsmuster der Dekoration und pointierten Wortwitz, sondern haben jede Figur eigenständig und köstlich überzogen entwickelt, so daß sie aus dem optisch gegebenem Schwarz-weiß herausragen, weil jeden mehr als nur ein Merkmal kennzeichnet. Piotr Buszewski als hektischer Fadinard hat genug Spielwitz, jede Situation zu meistern, sooft sie sich auch gegen ihn zu wenden scheint – als künftiger Ehemann braucht er solche Fähigkeiten. Dem operettenhaften Beau und jungem Liebhaber mit lyrischer Heldenattitüde gehen Energie und Überzeugungskraft nicht aus. Andere, wie Alexander Grassauer als Nonancourt, zielen bewußt auf Szenen, in denen sie einen zentralen Auftritt haben. Im Fall von Maire Therese Carmack betritt nicht Baronin de Champigny den Ort des Geschehens, sondern die Szene entwickelt sich um sie! Auch Florian Stern beherrscht als Onkel Vézinet das Spiel des running Gag mit dem Standardsatz »Alles im Eimer!« und seiner abweichenden Variation.

Die Stimmen dürfen dabei glitzern und brillieren, denn zwischen Mozart, Operette und einem fast walkürenmäßig intonierten Gewitter fallen die Sänger immer wieder mit romantischen Arien, Koloraturen und Girlanden auf. Rosalia Cid (Elena), Neven Crnić (Beaupertuis), Valerie Eickhoff (Anaide) oder Danylo Matviienko (Emilio) füllen die Bandbreite von schön über virtuos bis schmachtvoll aus, ohne den Kitsch zu betonen – ein bißchen Adele aus der »Fledermaus« kann man hören, aber statt schummerigem Schmachten überwiegen Glanz und Pointe. Selbst Florian Mayers kurzer Auftritt als Geigenvirtuose Minardi mit einer Paganini-Caprice trägt zum Pfeffer des Stückes bei!
Der Witz von Kalauern würde sich irgendwann verflüchtigen, doch außer Pfeffer, Chili und Paprika bietet die Inszenierung weitere Schärfe- oder Süßegrade. Nicht zuletzt, weil sie jede und jeden »auf die Schippe« nimmt, bis alle »aus den Wolken fallen«. Selbst dann, wenn es peinlich werden könnte, wird auch der gehörnte Ehemann Beaupertuis beim Fußbad in seinem Badezimmer nicht (bös) bloßstellt.

Die Sächsische Staatskapelle trägt unter der Leitung von Daniele Squeo ebenso zum guten Eindruck bei wie der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Jonathan Becker), denn beide agieren flexibel und illustrieren nicht nur die vielen Volten, sie tragen das Stück. Die Drehbühne verwandelt sich beständig und ergibt ein Gesamtbild mit Hintergrund, obwohl meist nur vorn gespielt wird. Das ist nicht nur einfacher für die Sänger, sondern erleichtert das Sehen von weiter seitlichen oder oberen (günstigen) Plätzen – wer also einmal Oper »probieren« möchte, obwohl er damit bisher nicht viel »am Hut« (sic!) hatte, findet bei Nino Rota eine ideale Einstiegsmöglichkeit. Nehmen Sie Kinder und Großeltern am besten mit!
1. Juni 2026, Wolfram Quellmalz
Noch mehrmals im Juni, dann wieder im September: Nino Rota »Der Florentiner Hut«, Semperoper Dresden