Bruckners edle Auslese

Herbert Blomstedt am Gewandhaus zu Leipzig

Manche staunen allein über das Alter des ältesten aktiven Dirigenten (Herbert Blomstedt wird im Sommer 99 Jahre alt), dabei steigert sich dieses Staunen noch, wenn man die Vitalität betrachtet, mit der Herbert Blomstedt seine Konzerte leitet. Eine Wachheit und Offenheit, die aus der Zuwendung zu den Werken resultiert, dort einen unermüdlichen Ursprung hat. Denn Herbert Blomstedt ist stets an den neuesten Ausgaben von Beethoven oder Bruckner interessiert, liest und kennt sie und richtet sich nach ihnen. Da mußte man sich am Wochenende kurz besinnen, daß das »Herbert Blomstedt gewidmete Ausgabe« nicht meint, daß Anton Bruckner selbst ihm sein Werk gewidmet habe, sondern daß der Verlag die neue Druckausgabe der vierten Sinfonie Herbert Blomstedt gewidmet hat.

Das Attribut »Bewegt« hat der Komponist in drei von vier Satzbezeichnungen verankert, bewegt war auch das Publikum der dritten Aufführung am Sonntag. Dabei blieb Blomstedts Dirigat – wie immer zuletzt – so minimal wie zielgerichtet. Der erhobene Zeigefinger markierte bereits einen Spannungspunkt für das Gewandhausorchester – nun konnte es »losgehen«. Leider gingen am Sonntag auch immer wieder Handys »los«, besonders ärgerlich und störend, da sie Piani und Pausen trafen und sich offenbar kein Lerneffekt einstellte. Die an sich nervige Ansage des Gewandhauses, man solle doch nach dem Konzert nicht vergessen, das Handy wieder anzustellen, weil man doch vielleicht etwas von der Atmosphäre »teilen« wolle (an sich unpassend und überflüssig an diesem Ort), war fruchtlos geblieben.

Die Früchte trugen andere, aber reichlich, denn das Gewandhausorchester erwies sich einmal mehr als organischer Korpus, der mit Streichern umschließen und die Gipfelgrate in unterschiedlichen Schattenlinien ausformen kann. So wie es spitze, runde, kluftige oder schroffe Gebirge gibt, Talsohlen, Kare, Kerb- und Muldentale, läßt Bruckner aus dem Schiefer und Gneis der Noten ein geradezu geologisch-skulpturales Gebilde wachsen. Am beschaulichsten, »rundesten«, wohlgeformtesten vielleicht in seiner vierten Sinfonie, die im Schaffen des Komponisten wie im Lebensweg oder der Anerkennung als Sinfoniker gleichermaßen als ein Öffnungspunkt wahrgenommen werden kann.

Wie aus dem Tal aufsteigend, sanft und kraftvoll zugleich erhoben sich die tremolierenden Streicher (Konzertmeister: Frank-Michael Erben), aus deren Mitte ein Hornruf (Solo: Tillmann Höfs) erklang. Die Hörner gehörten zu einer der famosesten Instrumentengruppen an diesem Vormittag, mit einem golden-weichen Klang, der am Ende einen sehnsüchtigen Abschied formte, aus dem flammend der Ruf der Trompeten aufsteigen sollte. Aber davon später.

Denn trotz bereits im ersten Satz vieler störender Handys dominierte eine sinfonische Spannung, die in der homogenen Umformung innerhalb der Streicher einen Ursprung hatte und sich zwischen Bläsern und Streichern, gleichwohl dicht verwoben, steigerte. Bis plötzlich der Blechbläserchor (Trompeten, Posaunen, Tuba) heraustrat – umwerfend!

Herbert Blomstedt dirigiert fast ohne Partitur, hat sie meist geschlossen vor sich liegen, auch diesmal blätterte er nur nach, bevor er – mit dem Achtungsfinger – den zweiten Satz begann. Das Andante nahm fast religiöse Züge an, lief harmonisch zu Wagner (Parsifal), war aber von einer unaufdringlichen Feinheit getragen – eine Andacht mit Respekt. Bis – einer der Punkte zum Staunen – helle Pizzicati ein Quasi-Scherzando einflochten. In Echos hallte das Andante nach.

Sogleich konnte man – wie eine Lehrstunde – erleben, wie eine Rampe, ein Crescendo aufgebaut wird. Sorgsam, feingliedrig, stetig wachsend. Wieder war es dieses organische, nicht einfach ein lineares lauter werden. Der Chor der Blechbläser (jetzt mit den Hörnern vereint) krönte es. Obwohl damit das reguläre Scherzo abgeschlossen war, offenbarte Herbert Blomstedt im Finale noch ein verstecktes, das im Kontrast zu einem fast tragischen Duktus – als seien es Sonnenstrahlen, die über dunkle Talschatten streichen – die größte Spannung erzeugte. Jedoch keine schwere, drückende, sondern erneut eine leichte, von einem rhythmischen Puls angetriebene und aufgeladene Spannung.

Was im Grunde die Entspannung bereits erwarten ließ. Der helle Ruf der Flöte (Solo: Cornelia Grohmann) spannte dies ebenso auf wie die Blechbläser (nun wieder geteilt). Lukas Beno hatte mit und ohne Dämpfer bereits Fühlung zu den Horn-Kollegen aufgenommen, was zeigte: auch der Trompete kann man einen weichen Klang abgewinnen. So entschwand Bruckners »Romantische« mit einem Orchesterpiano in einer großartigen Dämmerung, die jetzt ohne Handy in lang anhaltende Ruhe mündete.

20. April 2026, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Freitag setzen wir unsere Bruckner-Blomstedt-Betrachtungen fort und hören die siebente Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern. Mehr dazu in wenigen Tagen.

CD-Tip: Herbert Blomstedt hat schon einen Bruckner-Zyklus mit dem Gewandhausorchester vollendet. Die zwischen 2005 und 2012 entstandenen Aufnahmen (10 CDs) sind bei Accentus erschienen.

Hinterlasse einen Kommentar