Juilliard String Quartet mit der »Großen Fuge« und Jörg Widmanns Beethoven-Bezügen
Die Quartettgesellschaft des Leipziger Gewandhauses rief am frühen Sonntagabend zur Kammermusik und hatte das Juilliard String Quartet eingeladen. Neben Ludwig van Beethovens legendärem Streichquartett Opus 130 B-Dur und der ursprünglich dazugehörenden Großen Fuge Opus 133 standen zwei Beethoven-Bezüge von Jörg Widmann auf dem Programm, den wir außerordentlich schätzen. Insofern also ein Abend mit besonderen Erwartungen, die sich leider aber nicht oder nur zum Teil erfüllten.
Was uns auf das Problem der Erwartung und der Abhängigkeit bringt: Der Tag begann erstens mit einer übergroßen Erfahrung [Bruckner und Blomstedt, unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/04/21/bruckners-edle-auslese/], zweitens (wesentlicher) trägt das eingeladene Juilliard String Quartet einen der größten Namen innerhalb der Kammermusikszene. Nur ist es – ähnlich wie das Gewandhaus-Quartett – ein sozusagen institutionelles Quartett und damit den Veränderungen der Generationen unterworfen. Das Juilliard String Quartet wurde 1946 gegründet (Gewandhaus-Quartett: 1808) und besteht längst heute nicht mehr in der Originalbesetzung. Gründungsmitglied Robert Mann schied 1997 (erste Violine) als letzter aus. Die Aufnahme von Schuberts großartigem C-Dur-Quintett (mit Bernard Greenhouse am zweiten Cello) von 1986 gehört zu unseren schönsten Hörerfahrungen und hat die Erwartung sicher beeinflußt.

Heute setzt sich das Juilliard String Quartet aus sehr jungen Mitgliedern zusammen, die nach 2016 dazukamen: Areta Zhulla Violine und Leonard Fu (Violine), Molly Carr (Viola) und Astrid Schween (Violoncello). Sie arbeiten alle bereits als Dozenten an der Juilliard Academy (Juilliard School).
Ludwig van Beethoven Streichquartett B-Dur dämmerte zunächst harmonisch herauf, fiel dann aber bald in schnelle, fast hastige Figuren. An sich authentisch und im einzelnen korrekt sowie makellos, entwickelte anfangs dennoch nur das Violoncello einen wirklich schönen, individuellen und berührenden Ton, ein Gesamtklang wollte sich nicht einstellen. So blieb es: korrekt, technisch beherrscht, aber etwas nüchtern, weil zum Beispiel die dynamische Gestaltung kaum über ein (allmähliches) Abschwellen oder Abklingen hinausging. Zudem schlichen sich kleine tonale Unsauberkeiten ein, auch wenn sie nicht durch ein spielerisches Risiko begründet schienen. Verhältnismäßig lange Pausen zwischen den Sätzen standen einer Spannung ebenso entgegen.
Reizvoller erwies sich das achte Streichquartett von Jörg Widmann. Seine dritte »Studie über Beethoven« war ein Auftragswerk, das seinen Ursprung im Beethoven-Jahr hatte und für die Zusammenarbeit mit dem Juilliard String Quartet steht. Der überstürzte Charakter des Anfangs war »original Widmann« und hier passend wie die extremen Klangdehnungen, das harte Schlagen der Pizzicati und – sehr ergötzlich – die eingewobenen Beethoven-Zitate. Nicht nur glissandierend und im Flageolett weitete Jörg Widmann Beethoven noch rhythmisch und näherte sich gar an den Tango an. Jetzt wurde nun doch eine Spannung spürbar.
Nach der Pause fügte das Juilliard String Quartet Widmanns Cavatina (das zehnte Streichquartett / Studie über Beethoven V bezieht sich direkt auf den fünften Satz aus Beethovens Opus 130) mit der Großen Fuge zusammen, wenn auch nur als »Vorsatz«. Eigentlich hatte Leonard Fu ein attacca angekündigt. Trotzdem verbanden sich Widmanns Witz, seine spukhafte Gestalten, in denen Beethoven (?) durch die Studie wandelt, und Gediegenheit mit Beethovens Groß(artig)er Fuge. Und nun war die Spannung wirklich da, obwohl mittendrin wieder ein Handy störte (wie am Vormittag)! Jetzt war nicht nur das Temperament mitreißend, sondern auch eine beständige Spannung gegeben, die das Juilliard String Quartet nun hielt und in eine »Widmann’sche Nachbetrachtung« verlängerte.
Spannend wäre also die Frage, ob das Quartett mit Mozart oder Haydn, einem Andante etwa, einen eigenen Klang hervorbringt.
20. April 2026, Wolfram Quellmalz