Jahresproduktion »Don Giovanni« der Dresdner Opernklasse feierte Premiere
Neben Gelegenheiten wie Aufführungen im Rahmen von Workshops oder – sehr reizvoll! – in szenischen Podien auf der Hauseigenen Probebühne kann man die Opernklasse der Dresdner Musikhochschule (HfM) vor allem in ihrer Jahresproduktion erleben. Mit wechselndem Repertoire feiert im April die Koproduktion von HfM und Hochschule für Bildende Künste (HfBK) auf der Bühne des Kleinen Hauses Premiere – das Staatsschauspiel Dresden ist ebenso langjähriger Kooperationspartner. Nach Udo Zimmermanns »Weiße Rose« 2025 steht in diesem Jahr einmal mehr Wolfgang Amadé Mozart auf dem Spielplan. Mit einer Besonderheit: während sonst zwei gleichwertige, aber individuell verschiedene Besetzungen zu erleben sind, stellt »Don Giovanni« besondere stimmliche Ansprüche (oder Herausforderungen), weshalb diesmal eine Besetzung alle Vorstellungen allein trägt.

Wie man eine Handlung verortet, gehört zu den ersten und wichtigsten Festlegungen der Regie. Opernklassenleiterin Susanne Knapp hat Mozarts Dramma giocoso in verschiedener Hinsicht unbestimmt gelassen. Räume werden nur angedeutet, nicht konkret ausgelegt, die Bühne nimmt dies durch zentrale und seitlich geteilte Bereiche auf, der Hintergrund dient als Fläche für echte Projektionen wie für szenische Kommentare im Sinne von »zur gleichen Zeit an einem anderen Ort«. Selbst ein Bett oder Séparée mit Himmel und Vorhang wird variable eingesetzt.
Die HfBK hat sich diesmal für die Leitung als Aushilfe eine Alumna geholt: Pauline Malack war selbst an der HfBK und 2024 am Bühnenbild für »La finta giardiniera« beteiligt. Mittlerweile ist sie freischaffende Ausstatterin und unter anderem mit dem Staatsschauspiel Dresden verbunden. Pauline Malack übernahm Entwurf und Konzept der gesamten Bühnenausstattung sowie der phantasievollen Kostüme. Diese enthalten zum Beispiel historische Attribute wie Rüschen und Faltenkragen ebenso wie eindeutige Bezüge auf unsere Alltagskleidung. Für die Konzeptumsetzung stand ein Team von Studentinnen der HfBK zur Seite.

Nun galt es noch, die deutbaren Freiflächen auszufüllen. Doch gelingt das in diesem Jahr nicht im gleichen Maße wie in der pointierten »La-finta«-Produktion vor zwei Jahren, weil gerade die Interaktion zwischen den Figuren im Ensemble ausbleibt. Oder fehlt den Darstellern die »Richtung«? Erneut hat die Opernklasse betont, daß die Inszenierung viel von der Persönlichkeit der Sängerinnen und Sänger, von ihrer Sicht einbeziehen will. Aber ist das ein richtiger Ansatz? Müßte die Opernklasse die Studenten nicht gerade an die Hand nehmen, damit sie einen Weg finden, in Rollen zu schlüpfen, sie selbst zu werden oder mit Distance zu behandeln – jeder ganz individuell?
Das fällt besonders auf, weil die Bühne eben Räume freigibt: Da braut sich Ärger zusammen, wird der verkleidete Leporello für Don Giovanni gehalten und gefesselt, die begehrten, verlassenen und hintergangen Frauen (Donna Anna, Donna Elvira und Zerlina) zürnen jede auf ihre Weise, der gehörnte Don Ottavio und Zerlinas Bräutigam Masetto mittendrin – doch fehlt die szenische Spannung und das über- und nebeneinander des Sextetts sieht nur nach Bildern in einem Setzkasten aus. Ähnlich ist es, als Don Giovanni und Leporello auf dem Friedhof (toll mit Projektionen illuminiert) die Statue des Komturs betrachten – sie ist gar nicht zu sehen, dem Spiel nach steht sie unmittelbar vor den beiden – der Versuch der Selbstverwirklichung bleibt im wahrsten Sinn des Wortes unbeholfen.

Trotzdem entwickeln gerade einzelne Figuren eine hohe Überzeugungskraft. Vor allem Alexander Rampp spielt seinen klangschönen, baritonalen Baß als Leporello immer wieder aus. Clara-Marie Schades Zerlina ist hin- und hergerissen, läßt sich erst auf Don Giovannis Verführungsspiel ein, besinnt sich schließlich dennoch auf die Treue. Am leidenschaftlichsten und glühendsten wächst aber Hanna Park (Donna Anna) an diesem Premierenabend über sich hinaus. Ihre Erkenntnisarien »Or sai chi l’onore …« (Jetzt weißt Du, wer die Ehre mir rauben wollte) verläuft in Phasen von der Bewußtwerdung bis zum Entschluß (sie stellt sich gegen Don Giovanni). Das gelingt ihr so großartig, daß die parallel kommentierende »Erinnerungsszene« (Mord am Komtur) nur stört. Prügelszenen zeigen einmal mehr übermäßige Gewaltandeutungen – eine unnötig belehrende Realitätsannäherung!
Auch Donna Elvira ist zu eindimensional angelegt, um leidenschaftlich glaubhaft wirken zu können. Sie ist lediglich ungehalten, raucht und haut mehrfach mit ihrer silbernen Tasche nach Don Giovanni. Trotz stimmlicher Schönheit kann Lisa Trentmann dem nicht viel mehr hinzufügen. Gerrit Illenberger als Don Giovanni ist souverän, witzig sein Ständchen unter dem Fenster (»Deh, vieni alla finestra, o mio tesoro« / »Feinsliebchen, komm ans Fenster«) – statt einer Mandoline spielt hier ein Kontrabaß das Solo in der Szene!

Dirigent Valtteri Rauhalammi bündelt im Graben und auf der Bühne die instrumentalen Stimmen und leuchtet Mozarts Drama dunkel und funkelnd mit kräftigen Farben aus. Immer wieder treten Soli (Violoncello, Hörner etc.) aus dem Hochschulsinfonieorchester hervor, das Cembalo begleitet nicht nur die Rezitative, sondern phantasiert in Überleitungen immer wieder in Don-Giovanni-Motiven.
Der mit schwarzen Kostümen und maskiert auftretende Opernchor der HfM Dresden bleibt ein wesentlicher Akteur, Kota Katsuyama (Don Ottavio) und Gwanggeun Noh (Komtur) runden das Ensemble sozusagen an den Rändern (bzw. die »Familienbande«) ab. Joschua Vlasanek verbindet als Masetto einmal mehr dramatisches Spiel mit kleinen komödiantischen Gesten.

Doch wie verfährt man mit einem »Wüstling« (vollständigen Titel »Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni« / »Der bestrafte Wüstling oder Don Giovanni«)? Er wird seinem Richter vorgeführt, wofür Pauline Malack eine pfiffige Idee hatte, an Don Giovannis Tafel die Betrogenen einzubeziehen und den »Edelmann« seinem Ende zuzuführen.
18. April 2026, Wolfram Quellmalz
Staatsschauspiel Dresden / Kleines Haus, HfM Dresden: Wolfgang Amadé Mozart »Don Giovanni«, weitere Vorstellungen am 24. April, 5., 12., 15. und 21. Mai (jeweils 19:30 Uhr) sowie am 24.Mai (19:00 Uhr) und am 31. Mai (16:00 Uhr)