Herbert Blomstedt mit Anton Bruckners siebenter Sinfonie bei den Berliner Philharmonikern
Wenige Tage nach unserem Erlebnis im Leipziger Gewandhaus [Bericht der NMB: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/04/21/bruckners-edle-auslese/] haben wir Herbert Blomstedt gleich wieder getroffen. Gestern erlebten wir ihn in der Berliner Philharmonie. Auf dem Programm stand Anton Bruckners siebente Sinfonie.
Was für ein Umschwung: der Komponist mußte nicht mehr um Anerkennung für sein sinfonisches Werk ringen, die siebente Sinfonie, zwischen 1883 und 1885 entstanden, wurde von Beginn gerühmt. Gegenwind und hämische Kommentare gab es trotzdem, natürlich, aber keine zermürbenden Diskussionen mehr (oder weniger), kein endloses Ringen um Aufführung und Uraufführung (nur noch ein bißchen).
Man hört es dem Werk praktisch an. Es gehört zu den wenigen Sinfonien des Linzers, die nicht in lange Überarbeitungsprozesse und verschiedene Fassungen mündeten. Aber nicht nur das – das ganze Werk scheint eindeutiger, kraftvoller, entschiedener.
Gleiches könnte man vom Dirigat Herbert Blomstedts sagen. Mit dem Leipziger Gewandhausorchester verbindet ihn eine lange Zusammenarbeit, und selbst wenn seit seiner Amtszeit als Chef mittlerweile viele Stellen neu besetzt sind – die aktuelle Generation ist ihm bereits wieder durch die gemeinsamen Projekte (Beethoven, Schubert, Berwald, Bruckner) eng vertraut. So eng dürfte sein Verhältnis zu den Berliner Philharmonikern kaum sein, obwohl ihn mit dem Orchester eine fünfzigjährige Zusammenarbeit verbindet – die Termine sind aber rarer.

Ein Grund mehr, zielgerichtet vorzugehen. Das ist Herbert Blomstedt offenbar gelungen, und der akribischen Vorbereitung (die wir aus Erfahrung unterstellen können) folgte im Freitagskonzert eine präzise, penible Umsetzung. Anders als die vierte Sinfonie vom letzten Sonntag erfordert die siebente mehr Detailarbeit in den Soli, aber vor allem schlug sich die »kraftvolle« Gestaltung in einer dezidierten Dynamik und Dramaturgie nieder. Denn der »Bruckner-Effekt« läßt sich kaum mit Kantilenen und piekfeinen Trompeten allein erzeugen, er brauch vor allem eines: Klang.
Diesen formten die Berliner Philharmoniker schon mit dem dunkel-wehmütigen Beginn der Violoncelli und Violen. Geschlossen umgab dieser Klang den Raum, darin durften zunächst die Holzbläser singen, allen voran Emmanuel Pahud, dessen Flöte immer wieder silbern den Bruckner’schen Geist durchdrang. Der Gesang der Holzbläser schloß aber nicht nur Oboe und Klarinette ein, sondern nicht weniger das pulsierende Reiben der Fagotte.
Ein anderer Puls kam von den Kontrabässen, die als Rückgrat und Stütze den Streicherappparat stärkten, aber ebenso treibend zu schlagen (pochen) wußten. Die Blechbläser, von uns im Parkett geradezu frontal erlebt (Trompeten und Posaunen) konnten ihren Klang mit Hörnern und Wagner-Tuben zwischen weichem Gold und blitzendem Platin in allen Stufen der Helligkeit wie der Strahlkraft verwandeln – phänomenal!
Die Blechbläser waren mehrfach entscheidend als Bruckners Ausdrucksgeber eingebunden, formten Wehmut wie lichten Aufbruch. Bezaubern war, daß sie sich nicht auf Kraft, Wucht und verschiedene Farbstufen verließen, sondern auch bei forcierter Dramaturgie geringe Stufenunterschiede darstellen und sich mit den Streichern vereinen konnten. Verführerisch schwärmte mittendrin das Solo von Konzertmeister Noah Bendix-Balgley über den übrigen Violinen.
Die größte Spannkraft entwickelte wohl das Adagio mit einer sagenhaften Spannung, den größten Umschwung erreichte das Scherzo mit einer atemberaubenden Präzision der Blechbläser – da »wackelte« einfach nichts!
Das Geheimnis dieser Aufführung lag weniger in den motivischen Verschlingungen (wiewohl man auch bei Bruckner den Wandel und die Verwandtschaft, wie zwischen erstem und vierten Satz, bewundern darf), sondern in der Dramaturgie des Ablaufs, der Aufhellung und Erleuchtung.
25. April 2026, Wolfram Quellmalz
Spätestens im Herbst geht es weiter: im September steht Anton Bruckners achte Sinfonie im Terminkalender von Herbert Blomstedt – im Leipziger Gewandhaus.