Alles beim alten im Hause Strauss

Wiederaufnahme von »Intermezzo« an der Semperoper

Denkt man an Richard und Pauline Strauss, sind die Persönlichkeiten schnell festgelegt. Richard, der Weltbürger und Komponist, dem das damals noch bäuerlichere Garmisch und das Kartenspiel zusagen, Pauline, der Gemahlin, haftet das Attribut eines aufbrausenden Temperaments und eines herrischen Tones an. Oder ist das zu eindimensional, zu sehr Legende?

Legenden, Mythologien haben den Komponisten Richard Strauss niemals losgelassen. In seinen Opern versammeln sich titelgebend oder als Nebenfiguren Freihild (in »Guntram«), Salome, Elektra, eine Marschallin (im »Rosenkavalier«), Helena, Ariadne, Arabella, Daphne und Danae. Sieben von ihnen hat Regisseur Axel Ranisch in Strauss‘ »Intermezzo« auf die Bühne gebracht. Sie alle ähneln aber Pauline – sieben Todsünden, sieben Tugenden, sieben Ehefrauen?

Clara Nadeshdin, Photo: © Karpati Zarewicz

Richard Strauss hat im Stück ziemlich unverhohlen und damals zur Überraschung (oder zum Entsetzen) seiner Frau Szenen der eigenen Ehe auf die Bühne gebracht. Daß seine Hauptfiguren Hofkapellmeister Robert Storch und dessen Gemahlin Christine benannt sind, bemäntelt das kaum oder sollte es vielleicht gar nicht. Im November vor eineinhalb Jahren (zum einhundertsten Geburtstag des Stücks) baute die Inszenierung auf diesem doppelten Boden von wirklichem Leben und dem Bühnenabbild eine gewitzte Variante, in der die Vervielfältigung der Personen von Richard alias Robert und Pauline alias Christine nebst siebenfacher Doubles (Freihild, Salome, Elektra, Marschallin, Helena, Arabella und Danae) nicht nur für Konzentration, sondern eine Potenzierung des Ehespektakels sorgten. Die sieben Frauenfiguren tauchen nicht nur als kommentierende Versinnbildlichungen immer wieder auf, sie bereiten dem unter Untreueverdacht geratenen Kapellmeister Storch auch einen gehörigen Tanz der Furien, als er versucht, den Streit (zu seinen Gunsten) zu lösen.

Die Wiederaufführung tischt die Geschichte jetzt frisch auf: Robert braucht seine künstlerische Freiheit und läuft vor der keifenden Frau, die ihn mit Alltags- und Haushaltsdingen plagt (weil all dies an ihr hängenbleibt) für auswärtige Aufführungen davon. Christine bleibt als Herrin daheim und leidet an den »langen, einsamen Abenden«. Man hat Verständnis für beide – so einseitig ist es also nicht. Ebenso beidseitig ist ein nicht vollzogener Ehebruch: Christine sucht – mit Duldung, fast Aufforderung von Robert – Gesellschaft in ihrer Einsamkeit und erwöge vielleicht ein amoureuses Abenteuer, wenn der junge Baron dafür nicht zu wenig abenteuerlich wäre. Robert hat gar keine Zeit für solcherlei Eskapaden, der Verdacht, der auf ihn fällt, ist eine Verwechslung – ausreichend Stoff für Eifersucht und Streit, aber auch zur Versöhnung …

Wie in der Premierensaison übernimmt Patrick Hahn die Musikalische Leitung. Mit Akkuratesse zunächst, denn die Abläufe müssen mit parallellaufenden Szenen, einem an Loriot erinnernder Sprechtext und Videos »sitzen« – am Donnerstagabend »saßen« sie perfekt. Dazu konnte Entertainer Hahn als Pianist im Vorspiel (Richard Strauss »Wenn du es wüßtest« aus »Cäcilie« mit Sopranistin Clara Nadeshdin auf der Bühne) sowie als Orchesterbegeisterer und Straussversteher eine Atmosphäre schaffen, die den Witz der Komödie mit der Wortgewandtheit der von Strauss selbst entworfenen Dialoge und einem herrlichen Orchesterklang verband. »Intermezzo« bedient also verschiedene Sparten und Besuchergruppen: Schauspiel, Komödie, Liederabend und sinfonisches Musik. Letztere blüht in Zwischenspielen mit der Sächsischen Staatskapelle immer wieder auf, der versöhnliche Schluß, im Gestus an den »Rosenkavalier« erinnernd (nun mit Christine in der Rolle der weisen, bedenkenden Marschallin), rauschte geradezu.

Trautes Heim, Glück zu zwein? hinten: Anna (Ute Selbig) mit dem »abgelehnten« Baron Lummer (James Ley), vorn: Hofkapellmeister Robert Storch (Christoph Pohl) und Gattin Christine (hier in der Premierenbesetzung Maria Bengtsson), im Videobild: Katharina Pittelkow als Pauline und Erik Brünner als Richard, Photo: Sächsische Staatsoper, © Monika Ritterhaus

Die ursprüngliche Besetzung ist bis auf eine Position geblieben, allerdings gerade die wichtigste: Clara Nadeshdin hat Christine von Maria Bengtsson übernommen, allerdings glänzend, nur das Lied zu Beginn lag der Schwedin wohl noch mehr. Christoph Pohl ist mit seiner unverkennbaren Stimme erneut Hofkapellmeister Robert Storch, Ute Selbig verlieh dem Haushalt als Kammerjungfer Anna Würze und flocht ein wenig vom frechen Mariandl (aus dem »Rosenkavalier«) ein.

In Axel Ranischs spritzig angelegten Szenen (Rodeln, Skat, Haushalt etc.) konnten sich auch kurze Auftritte oder wichtige Nebenfiguren wie Baron Lummer (James Ley) oder der die fatale Verwechslung auslösende Kapellmeister (Jürgen Müller) entfalten. »Serviert« wird das in einer bezaubernden Umgebung, deren Wandelbarkeit niemals hektisch oder aufdringlich wird, dafür entzücken sie mit Jugendstil (Bühne: Saskia Wunsch) und wunderbaren Kostümen (Alfred Mayerhofer). Wie zur Premiere gibt es ein Intermezzo im »Intermezzo«, denn Erik Brünner, der eben noch auf der Bühne als Richard agierte, sucht in der Pause seine Pauline (Katharina Pittelkow) im Foyer.

24. April 2026, Wolfram Quellmalz

Noch einmal am 30. April: Richard Strauss »Intermezzo«, Semperoper Dresden

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