Betörend, verstörend

»Aschemond« am Theater Cottbus

Henry Purcell hat in seinen Opern die Liebe und Traumwelten ebenso beschrieben wie den Tod, das Scheitern. Helmut Oehring (Komposition) und Stefanie Wördemann (Libretto) folgen ihm in »Aschemond oder The Fairy Queen«, nehmen die Musik aus, ergänzen sie und fügen Texte von Adalbert Stifter und Heinrich Heine hinzu – schon Henry Purcell hatte in seinen Werken die Worte William Shakespeares ergänzt. Helmut Oehring und Stefanie Wördemann haben  auf diese Weise ein Stück collagiert, in dem sich Musik und Texte immer wieder überlagern. Die Musik bezieht sich zwar auf Purcell, verfremdet ihn aber, läßt ihn glissandieren und erweitert das Klangspektrum um zeitgenössische Elemente.

»Aschemond oder The Fairy Queen«, eine Art Endzeitoper, wurde bereits 2013 an der Staatsoper Berlin und 2017 an den Wuppertaler Bühnen aufgeführt. Jetzt haben Helmut Oehring, der erneut als Spieler (Gitarre) und mit Stimme mitwirkte, und Regisseur Sebastian Baumgarten eine Cottbuser Fassung erstellt, die unter der Leitung von GMD Alexander Merzyn aufgeführt wird.

AscheMOND oder The Fairy Queen, vorn links: Felix Kroll (Akkordeon), rechts Kassandra Wedel als Fairy Queen, Damen und Herren des Opernchores, dahinter, Photo: Theater Cottbus, © Bernd Schönberger

Beständig mischen sich die Elemente. Nicht nur Zeitverläufe werden abgebildet – es gibt Überblendungen in Ton und Bild und der sensorischen Wahrnehmung. So wird die Musik aus dem Orchestergraben spendiert, wo das Philharmonische Orchester Cottbus immer wieder in einzelnen Gruppen, aber auch als »Geräuschfaktor« hörbar und um Soloinstrumente auf der Bühne (Akkordeon, Gitarre) sowie Bandeinspielungen ergänzt wird. Der Clou ist ein Barockensemble, das hinter dem Publikum in der Loge sitzt (Cembalo, Orgel und Leitung: Changmin Park) – von hier kommen die sinnlichsten Anteile. Faszinierend ist aber, wie sich alles beständig mischt, verändert, in Phasen übergeht, und das den ganzen Abend lang. Alexander Merzyn bringt die Musik nicht in einen Gleichklang, sondern koordiniert die Anteile in einem Spannungsfeld.

AscheMOND oder The Fairy Queen, vorn links: Helmut Oehring (Gitarren), Felix Kroll (Akkordeon), Bildmitte: Kassandra Wedel als Fairy Queen, Damen und Herren des Opernchores, Photo: Theater Cottbus, © Bernd Schönberger

»Abend lang« ist hier aber auch im Sinne von lang zu verstehen, denn reichlich zwei Stunden strapazieren den Besucher durchaus und verstören ihn teils. Einerseits, weil er beständig »in Anspruch genommen« wird, andererseits wegen der mitunter krassen Bilder und Töne – der Chor entwickelt eine manchmal überdimensionale Lautstärke. Insofern ist die Selbstbeschreibung von Helmut Oehring und Stefanie Wördemann einer »Hymne der Vergänglichkeit« nicht ganz richtig – hymnisch ist hier wenig, schon wegen der Endzeit.

Faszinierend ist das aber. Das liegt nicht wenig an den Bildern und der tollen Bühne von Thilo Reuther (Kostüme: Meentje Nielsen). Eine Vorbühne grenzt an drei große Fenster, die von Jalousien verschlossen werden, wenn sich die Szene ändert: eine Tankstelle, ein Herbstwald, Fassaden, Müll … Sebastian Baumgarten holt nicht nur all Alltagsszenen auf die Bühne – oft ist der Übergang zwischen realen Objekten der Requisite und visuellen Projektionen fließend und nicht zu finden, wie beim Schnee, der wirbelt und in einigen »Flocken« auf dem Boden landet – ein bißchen Wintermärchen gibt es durchaus.

AscheMOND oder The Fairy Queen, vorn von links: Helmut Oehring (Gitarren), Felix Kroll (Akkordeon), Georg Bochow, Kassandra Wedel als Fairy Queen, dahinter Statisterie, Luzia Tietze, Heiko Walter, Photo: Theater Cottbus, © Bernd Schönberger

Aber auch Tod und Gewalt. Die Sonnenfinsternis, die den Handlungsrahmen definiert, könnte ein Umbruch oder ein Ende sein. Aber Hoffnung strahlt das Stück kaum aus. Die Fairy Queen ist gehörlos, springt und schreit impulsiv, später wird sie attackiert und getreten.

Kassandra Wedel als gehörlose Schauspielerin und Tänzerin ist eine Hauptakteurin, die läuft, springt, singt, schreit (»Diese Lieder sind falsch!«). Ein Gebärdencouch sitzt links auf der Bühne, Chor und Solisten wenden eine Gebärdensprache an, die choreographiert wurde. Die SignMimoPerformance trägt einerseits Text, ist gleichzeitig Teil des künstlerischen Ausdrucks. Dabei ist »Aschemond« kein Inklusionsprojekt, sondern Helmut Oehring hat als Kind taubstummer Eltern eigene Erfahrungen und den Situationskonflikt hörender und nicht hörender Menschen, wenn zum Beispiel letztere Orte mit Musik meiden, einbezogen.

AscheMOND oder The Fairy Queen, von links: Helmut Oehring (Gitarren), Felix Kroll (Akkordeon), Heiko Walter, Photo: Theater Cottbus, © Bernd Schönberger

So treten immer wieder die Solisten, Countertenor Georg Bochow mit anfangs etwas kehligem Klang (was aber zum Stück paßt), Anne Martha Schuitemaker (Sopran), Luzia Tietze (Mezzosopran), Dirk Kleinke (Tenor) und Heiko Walter (Bariton) szenisch hervor. Im Epilog verschmelzen sie mit Kassandra Wedel berührend zum Sextett.

27. März 2026, Wolfram Quellmalz

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