Lucas Debargue und das Zürcher Kammerorchester in der Dresdner Frauenkirche
Das Zürcher Kammerorchester ist fast so etwas wie das Residenzorchester der Dresdner Frauenkirche, seit Daniel Hope als »Artistic Director« bzw. »Music Director« (»Künstlerischer Leiter« würde es ebenso tun) beide Institutionen verbindet. Neben gemeinsamen Auftritte wie im Juli (mit Zubin Mehta und Pinchas Zukerman) kommen Daniel Hope und die Zürcher aber auch einzeln.
Also ist man sie eigentlich gewohnt. Am Sonnabend gab es in der Reihe »Klangbrücken« ein Konzert mit dem Zürcher Kammerorchester und dem französischen Ausnahmepianisten Lucas Debargue. Mozart stand auf dem Programm und zwei unbekannte Komponisten, aber was sich dann offenbarte, hätte mehr Raum und mehr Ankündigung verdient sowie ein echtes Programmheft (wieso merkt denn niemand, daß digitale Programmhefte die Ressourcen ebenso belasten wie gedruckte?!?). Denn die beiden »unbekannten« Werke waren nicht nur hörenswert, es war auch eine Uraufführung darunter – so etwas sollte nicht »nebenbei laufen«.
Glücklicherweise lief es auf der Bühne nicht »nebenbei«, denn das Zürcher Kammerorchester unter der Leitung von Konzertmeister Willi Zimmermann und Lucas Debargue schenkten der Musik nicht nur die Aufmerksamkeit, die sie verdient, sondern Hingabe und Leben.
Das war schon kein Grażyna Bacewiczs Sinfonietta zu spüren. Das 1935 entstandene Werk folgt formal den klassischen Vorgaben, sorgte aber mit dem Kontrast von Akkorden und Läufen der Streicher für ein klanglich ähnlich lebhaftes Bild wie die dem Skorpion folgende Kleidung der Musiker im schwarz-rot-Kontrast. Eingebundene Soli markierten das Allegro, das bereits vor dem langsamen Satz gleitenden Mittelteil bereithielt. Das Andante war, von den Celli angehoben, ein musikalischer Ruhepol.
Milosz Magin, wie Grażyna Bacewicz in Łódź geboren, lebte ab 1960 in Paris. Lucas Debargue hat seine Musik schon mehrfach erkundet, jetzt hob er das vierte Klavierkonzert, das vor über 25 Jahren entstand, aus der Taufe. Immer wieder wechselten sich Orchester und Solist in den mehrteiligen Ecksätzen ab, liefen rhythmische Passagen und eine Romanze (Andante für Klavier solo). Wie Luca Debargue die meist solistischen Teile ausformte, war delikat, wie Willi Zimmermann die Orchesterteile nicht gegenüberstellte, sondern beides verband, nicht minder. Dabei vereinten sich rhythmisch polnische oder slawische Teile (wie ein »fröhlicher Schostakowitsch«!) und französische Klangnuancen tatsächlich 8n einer »Klangbrücke«, wie die Veranstaltungsreihe versprach. Die feine Darstellung bereitete Hörspaß und Lust auf eine Wiederholung.
Die Bläser, die bisher abwesend waren, traten für Wolfgang Amadé Mozarts Sinfonie Nr. 17 G-Dur (KV 129) hinzu. Hörner mischten sich zunächst in den Grundton, während die Oboen das Spektrum der Violinen erweiterten. Das liebliche Andante gestaltete das Zürcher Kammerorchester geradezu süß (aber eine »gesunde Süßigkeit«), während die feingliedrige Struktur des dritten Satzes so nah beim Lied und der Sonate blieb, daß man einen gesungenen Text dazu finden mochte.
Für Mozarts vierzehntes Klavierkonzert (Es-Dur, KV 449), nun ebenso mit Hörnern und Oboen, kam der Solist zurück auf die Bühne und zeigte nach der fallenden, an eine Sinfonia erinnernden Einleitung die Vielfalt seiner Artikulationsmöglichkeiten von perlenden Läufen über Vorhalte bis in die Einbindung von Synkopen vor. Mozart bot bis in überraschende Tonartwechsel mit seiner Raffinesse dafür viel Gelegenheit, begann er doch mit einem Allegro vivace (andere schließen damit ab), während im Allegro ma non troppo das Thema nicht nur dynamisch wachsen darf, sondern um Triller bereichert wird. Das Zürcher Kammerorchester folgte mit seiner Gestaltung, Soli der Celli oder unterschiedlich weichen bzw. »scharfen« Pizzicati dichtauf.
Das riß die Zuhörer dann doch von den Sitzen, und so gab es an diesem so normalen besonderen Abend noch eine besondere Zugabe: eine Komposition von Lucas Debargue, der Mozarts »Alla turca« in einer Phantasie für Klavier und Orchester verarbeitet hat, in der sich die Stimmen teilen und es »um die Ecke« biegen lassen – viel mehr als nur ein paar Variationen!
19. April 2026, Wolfram Quellmalz
